Reimut Schmitt (Berlin) Die Landstreicher wandern ins KZ (Teil 2)
Es ist für uns heute unverständlich, mit welcher Offenheit und Selbstverständlichkeit 1933 von der Einweisung der „Asozialen“ in Konzentrationslager gesprochen wird. Für beide Kirchen, die weder gegen die Judenverfolgung noch gegen die Errichtung von Konzentrationslagern öffentlich Protest erheben, stellen die KZs zunächst allenfalls ein seelsorgerisches Problem dar. Das heißt, die Häftlinge sollen die Möglichkeit seelsorgerlicher Betreuung haben. Der preußische Oberkirchenrat bestimmt in einem Erlaß vom 21. Juli den jeweils am Standort amtierenden Gemeindepastor für die Lagerseelsorge. Die katholischen Priester können bis 1934 in den KZs die Ohrenbeichte abnehmen, bis dies Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, verbietet.
Auf protestantischer Seite besucht der preußischen Generalsuperintendent Dibelius 1933 sogar den inhaftierten – und misshandelten – KPD-Führer Thälmann. Hinterher erklärt er, dass „an den Schauermärchen über grausame und blutige Behandlung der Kommunisten“ kein wahres Wort sei. Sicher hat sich Dibelius bei der Vorführung des Gefangenen Thälmann täuschen lassen, den „mit Striemen übersäten Rücken“ nicht gesehen. Aber der Besuch von Dibelius zeigt doch sehr deutlich, dass man auch nichts sehen wollte. Schließlich hat auch der Freiburger Erzbischof Conrad Gröber, förderndes Mitglieder der SS (erst 1938 und gegen seinen Willen ausgeschlossen“, die Kritik an den KZs als verleumderisch zurückgewiesen.
Mehr als peinlich: Im Juni 1936 wird Bischof Berning von Osnabrück einige Lager besichtigen. Er bringt es fertig, die Häftlinge zu Treue und Gehorsam gegen den Staat zu ermahnen und soll sogar die Wachen belobigt haben, ehe er sich mit einem dreifachen „Sieg Heil!“ verabschiedete. Berning, von Göring zum Mitglied des preußischen Staatsrats ernannt, war in solch nationalsozialistischen Bräuchen nicht unbewandert. Man hatte ihn schon bei Eröffnung des Staatrates bewundern können: mit Sieg-Heil-Rufen, Absingen des Horst-Wessel-Lieds („SA marschiert...“) und deutschem Gruß.
Für den ausbleibenden Protest ist auf evangelischer Seite nicht entscheidend, dass am 23. Juli die Glaubenstruppen Hitlers, die Deutschen Christen (die ein völkisches, rassenreines Christentum vertreten und dem Führer näher stehen als dem Juden Jesus von Nazareth) bei den Gemeindewahlen erdrutschartig gewonnen haben. Entscheidend ist, dass sich in den Lagern ein Personenkreis befindet, den man ohnedies zum Teufel wünscht: Kommunisten, Sozialisten, Freidenker und Arbeitsscheue. Was wiegt das den Kirchenvertretern gegenüber der „Großtat“ Hitlers, die Nation vor Marxismus und Liberalismus gerettet und ein Bollwerk gegen den Bolschewismus aufgeworfen zu haben? Was wäre denn gewesen, sagte man sich, wenn die kirchenhassenden „Roten“ an die Macht gekommen wären? Und hatten nicht, um auf die „Asozialen“ zu kommen, die Wanderarmen, die „Arbeitsscheuen“, die Liebeshand der Kirche spöttisch ausgeschlagen, um weiter dem Laster frönen zu können?
In dieser Situation haben die „Asozialen“ wenig Beistand zu erwarten. Das hat nichts damit zu tun, dass beispielsweise die Innere Mission inzwischen gleichgeschaltet ist. Man brauchte sie in dieser Frage gar nicht gleichzuschalten. In der Frage „Bekämpfung des Bettelwesens“ ist man sich so einig, dass die NS-Volkswohlfahrt am 28. August unter Bezugnahme auf eine Besprechung vom 16. des Monats dem Zentralausschuss für Innere Mission, dem Caritas-Verband und dem Deutschen Roten Kreuz eine geplante Bettler-Razzia sogar vorher ankündigen und sie um Unterstützung angehen kann:
„Ich würde es begrüßen, wenn Sie ihre örtlichen und regionalen Untergliederungen jetzt schon darauf hinweisen würden, dass voraussichtlich Mitte September durch die Polizeibehörden eine umfassende Feststellung der bettelnden Personen vorgenommen wird. Für diese Aktion ist engste Zusammenarbeit der örtlichen Polizeiorgane mit den kommunalen Wohlfahrtsämtern und den Organisationen der freien Wohlfahrtspflege erforderlich“.
So kann es nicht mehr verwundern, das die Bettler-Razzien auf der Goslaer Versammlung der Wandererfürsorgeverbände breite Zustimmung finden. Der Stuttgarter Oberregierungsrat Mailänder in einem Tagungsbeitrag:
„Vor einem Jahr hätte man sich noch über die Bettler-Razzien aufgeregt, heute regen sich nicht einmal die Bettler darüber auf! Im Interesse der Volksgesundheit müssen wir alle sentimentalen Anwandlungen fallen lassen und eine gesunde Härte anwenden.“
Im Herbst 1933 sind denn auch Bayerns Arbeitshäuser – Arbeitshäuser sind Zwangsarbeitsanstalten – infolge zahlreicher Verhaftungen überfüllt. Die ersten Bettler und Landstreicher sind in Dachau eingeliefert und in den lagereigenen Werkstätten eingesetzt, die zu dieser Zeit nur in geringem Umfang für die Privatwirtschaft produzieren. Bereits am 28. November beschwert sich die Handwerkskammer Oberbayern über die untragbare Konkurrenz und bittet, die „unerfreulichen Regiebebtriebe“ einzustellen. Das Protestschreiben wandert vom Wirtschafts- zum Innenministerium, das für die Dachauer Lagerbetriebe eintritt, weil dort „arbeitsscheues Gesindel“ zu geregelter Arbeit erzogen werde.
In den folgenden Monaten bestellt das Konzentrationslager Dachau bei den bayerischen Arbeitshäusern je nach Lagerbedarf Häftlinge mit dringend benötigten Berufen wie Schneider oder Baufacharbeiter. Viele der als asozial deklarierten Häftlinge werden auch wieder an Arbeitshäuser, Arbeiterkolonien oder auf Großbaustellen (Reichsautobahn) weitergegeben – dennoch ist es eine Tatsache, dass gerade diese Häftlinge häufig sterben. Sie haben es nicht gelernt, wie etwa die politischen Häftlinge sich zu organisieren und den Lagerzuständen zu begegnen. Eugen Kogon berichtet aus eigener Erfahrung in Buchenwald, welcher Personenkreis da verstärkt ab 1936 eingesperrt wird:
„Neben wirklichen Landstreichern, Speckjägern, kleinen Taschendieben und Jahrmarktgauklern, notorischen Säufern, Zuhältern und Alimetendrückebergern gab es unter den als asozial Verhafteten auch genug Leute, denen nichts anderes vorzuwerfen war, als dass sie etwa zweimal zur Arbeit zu spät gekommen waren oder unberechtigt Urlaub genommen, ohne Genehmigung des Arbeitsamtes den Arbeitsplatz gewechselt, ihr nationalsozialistisches Dienstmädchen „schlecht behandelt“, als Eintänzer ihr Brot verdient hatten, und was dergleichen „Vergehen“ mehr waren. Hunderte deutscher Betriebsführer, stramme Parteigenossen, haben Gefolgschaftsmitglieder, die ihnen aus irgendwelchen Gründen nicht passten, einfach als „arbeitsscheu“ angezeigt, worauf sie in Arbeitslage oder KL überstellt wurden. Entsprechend dieser sehr gemischten Zusammensetzung gaben die „Asozialen“ den Lagern kein besonderes Gepräge. Vom Häftlingsstandpunkt aus betrachtet galten sie als unzuverlässig, haltlos und wegen mancher Praktiken, die sie aus ihrem früheren Leben in die Lager mit übernommen hatten, als wenig erwünscht. Viele von ihnen überstanden den harten Daseinskampf im KL nicht . Bei Entlassungen stellten sie den höchsten Prozentsatz, ebenso bei den während des Krieges erfolgten Einziehungen von Schutzhäftlingen zur deutschen Wehrmacht.“
Rudolf Höss, der Kommandant von Auschwitz, dessen KZ-Karriere in Dachau begann, hat die sogenannten Asozialen im Nachhinein mit weitaus mehr Verständnis geschildert, als es seinerzeit die amtlichen wie kirchlichen Fürsorger taten. Höss in seinen autobiographischen Erinnerungen:
„Soweit sie nicht schon mehrfach vorbestraft oder sonstwie asozial vorbelastet waren, bedrückte sie die Haft doch, sie schämten sich, besonders die Älteren, die noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Nun waren sie auf einmal bestraft, weil sie aus Dickköpfigkeit, aus bayerischer Sturheit mehrfach von ihrer Arbeit weggelaufen waren, oder weil ihnen das Bier zu gut geschmeckt hatte, oder anderer Dinge wegen, die sie zur Bummelei geführt, das Arbeitsamt aber zur Einweisung ins Lager veranlasst hatte.“
Quelle: Ernst Klee, „Euthanasie“ im NS-Staat – Die „Vernichtung
lebensunwerten Lebens“ S.Fischer-Verlag 1985 12. Auflage: Mai 2009