Gegen das Vergessen; nie wieder!

Veröffentlicht am 17.03.2016 in Allgemein

Reimut Schmitt (Berlin)

Hemmungsloses Morden (Teil 2) Menschenhandel

Inzwischen war die „Endlösung“ der Nationalsozialisten in eine neue Phase getreten. Eichmann wurde im Gegensatz zu seinen Kollegen im Generalgouvernement 1942 in Polen nicht nur mit der Ausrottung der jüdischen Bevölkerung beauftragt. Aufgrund der ernsten militärischen Lage und des zunehmenden Bedarfs an Zwangsarbeitern sollten diejenigen Juden, die die deutschen Kriegsanstrengungen durch ihre Arbeitskraft unterstützen könnten, ausgesondert werden.

Aus Sicht der Nationalsozialisten war Auschwitz dafür der ideale Ort, da inzwischen Dr. Mengele und seine Kollegen auf dem Gebiet der Selektion hinreichend Erfahrung gesammelt hatten. Auschwitz sollte als eine Art riesiges menschliches Sieb diejenigen Ungarn aussondern, die als Zwangsarbeiter in den Fabriken im Reich eingesetzt würden.

Zunächst schien Eichmanns Initiative in Ungarn dem allzu bekannten judenfeindlichen Vorgehen der nationalsozialistischen Machthaber zu entsprechen. Er versicherte sich für die bevorstehenden Deportationen erfolgreich der Kooperation der ungarischen Polizei und half mit bei der Organisation der Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung außerhalb von Budapest.. Die Deutschen hatten ursprünglich gefordert, dass 100000 ungarischer Juden „ins Reich“ geschickt werden sollten, aber nach der Ghettoisierung der Juden sagten die ungarischen Behörden zu, dass die restliche jüdische Bevölkerung folgen könnte. Wie anderen vor ihnen, vor allem den Slowaken, erschien es ihnen am „einfachsten“, die jüdischen Familien, die jetzt ohne Ernährer dastanden, den Deutschen zu überlassen. Eichmann konnte es nur recht sein.

Parallel dazu verfolgte Eichmann noch einen zweiten Kurs. Am 25. April 1944 traf sich Eichmann im Hotel Majstic in Budapest mit Joel Brand, einem ungarischen Juden und Gründer des „Jüdischen Rettungskomitees“, einer Hilfsorganisation, die Juden bei ihrer Emigration aus dem Deutschen Reich unterstützte. Brand war mit Eichmann und anderen SS-Führern bereits mehrmals zuvor zusammengekommen, um zu versuchen, Juden freizukaufen und zur Ausreise aus Ungarn zu verhelfen. Diesmal sagte Eichmann zu ihm: „Sie wissen, wer ich bin? Ich habe die Aktionen im Reich, in Polen, in der Tschechoslowakei durchgeführt. Und jetzt kommt Ungarn an die Reihe. Ich habe Sie kommen lassen, um Ihnen eine Geschäft vorzuschlagen…. Ich bin also bereit, Ihnen eine Million Juden zu verkaufen. Alle werde ich Ihnen nicht verkaufen. Soviel Geld und Waren können Sie nicht aufbringen. Aber eine Million, das wird gehen. Ware für Blut – Blut für Ware… Was wollen Sie gerettet haben? Zeugungsfähige Männer, gebärfähige Frauen? Greise? Kinde? Setzen Sei sich und reden Sie.“ Eichmanns Angebot kam für Brand überraschend. Er erwiderte, er könne in Ungarn keine Waren beschafften. Aber Eichmann riet ihm, ins Ausland zu gehen, direkt mit den Alliierten zu verhandeln und mit einem konkreten Angebot zurückzukommen.

Dies war ein außergewöhnlicher Moment in der Geschichte der „Endlösung“ der Nationalsozialisten. Was veranlasste einen Mann, dessen Werdegang so eng mit der Vernichtung der Juden verknüpft war, einen für ihn scheinbar so untypischen Vorschlag zu machen? Ein Hinweis darauf gibt die verwirrende politische Lage, in der sich Eichmann befand: Bei seiner Ankunft in Budapest musste er feststellen, dass er nicht der einzige SS-Führer war, den man in Ungarn mit Spezialaufträgen betraut hatte; zwei weitere, SD-Chef und Rüstungsbevollmächtigter des Reichsführers SS Gehard Clages und SS-Obersturmbannführer Kurt Becher befanden sich ebenfalls in der Stadt. Clages war mit „nachrichtendienstlichen“ Aufgaben beschäftigt, während Becher versuchte, die Familie Weiss, Besitzer des größten Industrieunternehmens Ungarns, unter Druck zu setzen, damit sie ihre Firmenanteile der SS übertrug. Dafür sollte ihr eine sichere Ausreise garantiert werden. Eichmann war sich darüber im Klaren, dass sich der Tätigkeitsbereich seiner SS-Kollegen, die zudem denselben Rang innehatten, mit seinem überschnitten. Die Reichtümer ngarns lagen wie ein Stück rohes Fleisch vor diesen Schakalen, und Eichmann begriff, dass er kämpfen musste, um die Oberhand zu gewinnen.

Zu dem Zeitpunkt, als sich Eichmann mit Brand traf, wusste er bereits, dass es Becher gelungen war, Anteile der Manfred-Weiss-Werke auf die Nationalsozialisten übertragen zu lassen. Im Gegenzug erhielten 50 Mitglieder der Familie Weiss die Erlaubnis, in ein neutrales Land auszuwandern. Bechers Aufstieg schien ungebremst: Er war in die ehemalige Villa eine Mitglieds des Weiss-Klans gezogen, die noch luxuriöser war als Eichmanns. Während der Kriegsverbrecherprozesse 1961 gab sich Eichmann edelmütig und behauptete vor Gericht, dass es in seinem Sinn gewesen sei, dass Brand mit den Alliierten verhandelte, aber wahrscheinlicher ist, dass seine Motive am 25. April profanerer Natur waren und er vielmehr Becher ausbooten wollte. Wenn Himmler, sein Vorgesetzter, diese neue Richtung im Umgang mit den Juden billigte, dann würde er, Eichmann, nicht zurückstehen, selbst wenn es seinem Instinkt widersprach. Vermutlich schätzte Eichmann auch die Chancen, dass das Geschäft zustande kam und die Alliierten tatsächlich den nationalsozialistischen Machthabern Material lieferten, das diese gegen die Rote Armee im Oste einsetzen konnten, als äußerst gering ein. Indem er mit Brands Mission einverstanden war, zeigte er Himmler, dass er sich den veränderten Umständen anpassen konnte; er gewann Becher gegenüber an Boden und könnte sich außerdem seinem Lieblingsprojekt, der Selektion und Vernichtung von Juden, widmen.

Quelle: Laurence Rees „Auschwitz – Geschichte eines Verbrechens“

 
 

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