Gegen das Vergessen; nie wieder!

Veröffentlicht am 14.04.2016 in Allgemein

Reimut Schmitt (Berlin)

Hemmungsloses Morden (Teil 3) Menschen gegen LKW


Bei den nächsten beiden Zusammenkünften zwischen Eichmann und Brand nahm der Plan Gestalt an. Brand sollte als Unterhändler nach Istanbul reisen, um dort mit Vertretern der zionistischen Führung über das Angebot der Nationalsozialisten zu verhandeln, eine Million Juden im Austausch für 10000 Lastwagen auswandern zu lassen.

Brand schlug Eichmann vor, bereits im Vorfeld einige Juden freizulassen, um seinen „guten Willen“ zu zeigen, und wies darauf hin, dass das „Jüdische Rettungskomitee“ 600 Ausreisebescheinigungen besorgt habe. Dabei handelte es sich um Papiere, die dem Inhaber zumindest theoretisch erlaubten, nach Palästina zu emigrieren. Eichmann lehnte jedoch nicht nur Brands Vorschlag ab, sondern bestand auch darauf, dass dessen Frau Hansi als Geisel ins Hotel Majestic gebracht wurde.

Beim letzten Treffen im Hotel Majestic waren auch Clages, Becher und andere Nazi-Größen anwesend. Es schien, als wollte sich jede deutsche Dienststelle in der Stadt an dieser Mission beteiligen. Clages war besonders daran interessiert, dass ein gewisser Bandi Grosz Brand nach Istanbul begleitete. Grosz war ein Agent der Abwehr gewesen, jenem Geheimdienst der Deutschen, der seine Arbeit in Ungarn kurz zuvor eingestellt hatte und jetzt Clages unterstellt war. Grosz´ Mission unterschied sich erheblich von Brands, was aber erst in den darauffolgenden Monaten bekannt werden sollte. Am 17. Mai 1944, bei Einbruch der Dunkelheit, wurden die beiden Männer über die Grenze nach Österreich gebracht, um von dort nach Istanbul zu fliegen. Brand erinnert sich noch daran, dass er zu Grosz hinübersah, der etwas schmuddelig und unrasiert neben ihm saß und verstohlen eineinhalb Seiten maschinengeschriebener Anweisungen auswendig zu lernen versuchte. Dies war der Beginn einer mysteriösen und unheilvollen Mission.

Der Plan, Juden gegen Lastwagen einzutauschen, änderte nichts an Eichmanns Absicht, die ungarischen Juden zu deportieren, oder an den speziellen Vorbereitungen, die in Auschwitz getroffen wurden. In Erwartung des enormen Zustroms gab es Änderungen an der Lagerspitze. Arthur Liebehenschel 1), der im November 1943 die Lagerkommandantur übernommen hatte, wurde nach Majdanek in der Provinz Lublin versetzt. Kein andere als Rudolf Höß2) wurde Kommandant der SS-Garnision in Auschwitz. Die Kommandanten von Auschwitz 1 und Auschwitz-Birkenau berichteten nun an ihn. Höß konnte es kaum erwarten, seinen neuen Posten anzutreten; angesichts der ungeheuren Aufgabe, die vor ihm lag, hatte ihm die Führung der SS jegliche Vergehen, die er in der Vergangenheit begangen haben mochte, verziehen.

Am 9. Mai, gerade einen Tag nach seiner Rückkehr ins Lager, ordnete Höß an, die Vorbereitungen für die Ankunft der ungarischen Juden zu beschleunigen. Seinem Vorgänger Liebehenschel hatte man Inkompetenz und mangelnde „Härte“ vorgeworfen. Höß war entschlossen, andere Seiten aufzuziehen. Gerade erst hatte man den Schienenstrang, der Birkenau mit der knapp zwei Kilometer entfernten Hauptstrecke verband, fertiggestellt, so dass die Transporte direkt ins Lager, zu einer nur 100 Meter von den beiden Krematorien 2 und 3 entfernten Rampe, gelangten. Höß befahl außerdem, umgehend die Schornsteine des Krematoriums 5 instand zu setzen und fünf Gruben auszuheben, in denen die Leichen verbrannt werden sollten. Er wusste aus Erfahrung, dass die Ermordung der Juden wenig Probleme bereiten würde; schwieriger würde es sein, sich Hunderttausender von Leichen auf einmal zu entledigen.

1) Arthur Liebehenschel (* 25. November 1901 in Posen; † 24. Januar 1948 in Krakau) war ein deutscher SS-Führer. Liebehenschel war ab November 1943 Lagerkommandant und Standortältester im Stammlager des KZ Auschwitz und ab Mai 1944 in dem bereits geräumten Konzentrationslager Majdanek ebenfalls Lagerkommandant. Er wurde 1947 im Krakauer Auschwitzprozess zum Tode verurteilt und im Folgejahr hingerichtet.

Liebehenschel war seit Anfang Februar 1932 Mitglied der NSDAP und der SS. Unter dem Führer der 27. SS-Standarte Walter Gerlach wurde Liebehenschel dessen Adjutant. Ab dem 4. August 1934 war Liebehenschel ebenfalls unter Gerlach Adjutant im berüchtigten Berliner Columbia-Haus und wurde danach als Adjutant im KZ Lichtenburg eingesetzt. Liebehenschel wechselte am 5. Juli 1937 als Abteilungsleiter in den Stab des Führers der SS-Totenkopfverbände (Theodor Eicke) nach Berlin über, wo er bis Mai 1940 bei der Inspektion der Konzentrationslager den Bereich Politische Abteilung leitete.[1] 1940 stand er in der Dienststellung eines Stabsführers.[2] Sein letzter SS-Rang war Obersturmbannführer, den er 1941 erhalten hatte.

[2] Von Liebehenschel stammt die Anweisung, dass bei SS-Angehörigen, die an Exekutionen beteiligt waren und dafür mit dem Kriegsverdienstkreuz ausgezeichnet werden sollten, auf gar keinen Fall die Bezeichnung „Exekution“ verwendet werden dürfe, sondern von „Erledigung kriegswichtiger Aufgaben“ die Rede sein solle.

Liebehenschel wurde am 11. November 1943 Lagerkommandant und Standortältester im KZ Auschwitz I (Stammlager).[2] Zum gleichen Zeitpunkt wurden mit Friedrich Hartjenstein in Auschwitz II (Birkenau) und Heinrich Schwarz in Auschwitz III (Monowitz) erstmals eigene Lagerkommandanten eingesetzt. Nach wenigen Monaten, am 8. Mai 1944, verlor Liebehenschel dieses Amt wieder.

Nach Aussagen von Häftlingen besserten sich durch Liebehenschel teilweise die schlimmen Verhältnisse im Stammlager. Als Funktionshäftlinge wurden nun „politische“ Gefangene bevorzugt und das umfassende Spitzelsystem soll ungenutzt geblieben sein. Die periodischen Bunkerselektionen in Block 11 mit darauf folgenden Erschießungen vor der Schwarzen Wand (Hinrichtungswand) seien eingestellt worden. Liebehenschel habe die Stehzellen abreißen lassen, die keinen Platz zum Sitzen oder Liegen boten und in die bis dahin Häftlinge strafweise eingeschlossen worden waren. Er habe eine generelle Bunkeramnestie erlassen und später die Schwarze Wand entfernen lassen. Ferner habe er den Befehl aufgehoben, jeden wieder eingefangenen Flüchtling zu erschießen.[3]

Es gibt Spekulationen darüber, dass Liebehenschels Abberufung auf seine Änderungen zurückzuführen sei. Höß hielt Liebehenschel für unfähig. Liebehenschel selbst sah dagegen eine langwierige Auseinandersetzung mit Pohl um seine Scheidung, verweigerte Heiratsgenehmigung und Auflehnung als Grund an.[4]

Ab dem 19. Mai 1944 wechselte Liebehenschel als Kommandant in das bereits geräumte KZ Majdanek und nach dessen Auflösung in das Amt des Höheren SS- und Polizeiführers Triest unter Odilo Globocnik (Operationszone Adriatisches Küstenland).[2]

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Liebehenschel interniert und für den geplanten Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher verhört.[1] Nach der Auslieferung durch die Streitkräfte der Vereinigten Staaten an Polen wurde er am 22. Dezember 1947 vom Obersten Volkstribunal im Krakauer Auschwitzprozess zum Tode verurteilt und am 24. Januar 1948 im Krakauer Montelupich-Gefängnis durch Erhängen hingerichtet. 2)

2) Rudolf Höß wurde am 25. November 1900 als Sohn katholischer Eltern in Baden-Baden geboren. 1919 schloss Höß sich dem Freikorps Roßbach an und nahm an Kämpfen im Baltikum, im Ruhrgebiet und in Oberschlesien teil. Danach schlug er sich eine Zeit lang als Tagelöhner durch. Die dabei erlittenen persönlichen Niederlagen ließen ihn den Suizid erwägen, bis er auf die NSDAP (Mitgliedsnr. 3.240) aufmerksam wurde und ihr im November 1922 beitrat. Er war dann an der Ermordung von Walter Kadow am 31. Mai 1923 beteiligt, der verdächtigt wurde, Albert Leo Schlageter an die Franzosen verraten und damit seine Hinrichtung verschuldet zu haben. Aus Angst, als Mitwisser selbst liquidiert zu werden, zeigte einer der Beteiligten den Mord an. Höß wurde verhaftet und am 15. März 1924 zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein späterer Förderer Martin Bormann erhielt für seine Rolle beim „Parchimer Fememord” ein Jahr Freiheitsstrafe. Bereits am 14. Juli 1928 kam Höß aufgrund einer allgemeinen Amnestie wieder frei.

In den folgenden Jahren betätigte sich Höß in Ahlen-Vorhelm in der Landwirtschaft und gehörte als Führungsperson verschiedenen auf die Landbevölkerung zugeschnittenen Nazibünden, wie zum Beispiel dem Bund der Artamanen, an. In der Zeit begegnete er zum ersten Mal Heinrich Himmler, der von Höß' Unterwürfigkeit und Gründlichkeit begeistert war.

Am 20. September 1933 trat Höß in die Allgemeine-SS ein. 1934 forderte Himmler ihn nach seiner Angabe auf, der Totenkopf-SS beizutreten. Ab diesem Jahr wurde er als Blockführer und ab April 1936 als Rapportführer im KZ Dachau eingesetzt. Im August 1938 wurde er Adjutant des Lagerkommandanten im Konzentrationslager Sachsenhausen und ab November 1939 dortiger Schutzhaftlagerführer im Rang eines SS-Hauptsturmführers. Im Mai 1940 erging seine Versetzung als Lagerkommandant ins Konzentrationslager Auschwitz.

Am 1. März 1941 wurde Höß von Himmler der Befehl zum Aufbau des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau gegeben. Im Sommer 1941 wurde er zu Himmler nach Berlin befohlen. Himmler erklärte ihm, dass der Führer die „Endlösung der Judenfrage“ befohlen habe und dass er diese Aufgabe auszuführen habe. Kurz darauf wurde Höß von Adolf Eichmann (Reichssicherheitshauptamt) in Auschwitz aufgesucht. Dieser nannte ungefähre Zahlen der Transporte und stellte klar, dass zur Vernichtung nur „Gas“ in Frage kommen würde, da die zu erwartenden Massen durch Erschießen nicht zu beseitigen wären. Im übrigen sei dies für die SS-Männer eine zu große Belastung wegen der Frauen und Kinder – so Eichmann.

Höß leitete die um den Jahreswechsel 1941/1942 beginnende Vernichtung der Juden in Auschwitz. Diese wurden in zwei provisorisch zu Gaskammern umgebauten Bauernhäusern umgebracht. Ende 1942 wurde mit dem Bau von vier großen Krematorien mit Gaskammern begonnen, die ab März 1943 für die Massenermordungen genutzt wurden. Im November 1943 teilte der Obergruppenführer Oswald Pohl (WVHA) die zentrale Kommandantur der Konzentrationslager Auschwitz auf. In diesem Zuge wurde Höß am 10. November 1943 mit der Wahrnehmung der Geschäfte der Amtsgruppe D im SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) betraut und dazu nach Berlin berufen. Am 1. Mai 1944 wurde er zum Chef des Amtes D I im WVHA ernannt. Von Mai bis Juli 1944 war Höß im Auftrag des WVHA als Standortältester erneut im KZ Birkenau, um für den reibungslosen Ablauf der Vernichtung der ungarischen Juden zu sorgen.

Im Mai 1945 tauchte er unter und gab sich unter dem Namen „Franz Lang” als Maat der Marine aus, bis er am 11. März 1946 von der britischen Militärpolizei auf einem Bauernhof in der Nähe von Flensburg festgenommen wurde.

Am 25. Mai 1946 wurde Höß an Polen ausgeliefert und unter Richter Jan Sehn vor Gericht gestellt. Während des Prozesses trug er durch seine Aussagen zur Klarstellung vieler historischer Fragen bei. Er verstand angeblich bis zum Schluss nicht, warum er zur Rechenschaft gezogen wurde, da er nur Befehle ausgeführt habe. Am 2. April 1947 wurde Höß in Warschau zum Tode verurteilt und 14 Tage später vor seiner ehemaligen Residenz in Auschwitz erhängt.

Quelle: Laurence Rees „Auschwitz – Geschichte eines Verbrechens“ und Wikipedia

 
 

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