Gegen das Vergessen; nie wieder!

Veröffentlicht am 15.02.2012 in Allgemein

Reimut Schmitt (Berlin)

Neue Wege: Trinker, Hilfsschüler und Euthanasie im Jahre der Machtergreifung

Zwangsverwahrung – Zwangsarbeit – Zwangssterilisierung, das sind die Stichworte, unter denen auch der Kampf gegen jene Trinker geführt wird, die man für erbbiologische minderwertig hält. Einem Aufsatz der „Blätter für praktische Trinkerfürsorge“ ist zu entnehmen, dass sich nach der Machtergreifung viele bewährte Mitarbeiter, darunter auch etliche altgediente Parteigenossen, gegen solche Formen der Trinkerheilung wehren.

Davon ist aber auf der Jubiläums-Versammlung des Deutschen Vereins gegen den Alkoholismus, die vom 22. Bis zum 25. Oktober 1933 in Berlin stattfindet, nichts zu hören, denn die Alkoholgegner sind selbst zwangsbehandelt, das heißt, gleichgeschaltet worden. Ein Teil der Prominenz ist im Braunhemd erschienen. Innenminister Frick hat die Schirmherrschaft übernommen. Im Ehrenausschuss sitzen u.a. hohe Militärs, ein Vertreter des Deutschen Fußballbundes, Reichsbischof Müller, die Sterilisierungsexperten Rüdin und Ruttke und auch der Ministerialrat im Innenministerium Dr. Sonti, der sechs Jahre später zusammen mit Bormann erster Gesprächspartner Hitlers sein wird, um die Ermordung der Geisteskranken zu organisieren.

Redner wir Dr. med. Sprungmann, ärztlicher Berater der Landesversicherungsanstalt Rheinprovinz, definieren auf der NS-Jubel-Versammlung: „Nicht Minderwertiges zu erhalten und aufzuzüchten ist der Arbeitsbegriff der Trinkerfürsorge, sondern Fürsorge in erbbiologischem Sinne für Familie und Nachwuchs.“ Dr. med. Gehnsen, leitender Arzt der holsteinischen Heilstätten Rickling, fordert für willensschwache, aber „dennoch wertvolle Menschen …. alkoholfrei Siedlungsgebiete“ und für die schwersten Fälle „arbeits- oder konzentrationslagerähnliche Dauerbewahranstalten“. Die Sterilisierung dürfe auf keinen Fall zu „ängstlich gehandhabt werden.“ „Ein so aufgebautes Behandlungssystem wird die Allgemeinheit von Schädlingen und Ballastexistenzen reinigen.“

Generaloberarzt a.D. Dr. Bunzlow referiert dagegen über die Alkoholfrage in den Arbeitslagern. Eine Merkkarte, die er für die „Kameraden im freiwilligen Arbeitsdienst“ drucken ließ, verlangt vom deutschen Menschen der Gegenwart, „nüchtern“ zu bleiben, um „den Kampf um neuen Lebensraum“ zu bestehen. Militärisch geht auch der Rassehygieniker Professor Lenz die Probleme an. Das Sterilisierungsgesetz sei die „neue Waffe“ im Kampf gegen den Alkoholismus. Damit werde die Zahl zukünftiger Trinker verkleinert. Außerdem stärke die drohende Sterilisierung die Selbstbeherrschung.
Immerhin betont Lenz ausdrücklich, Alkoholvergiftungen führten nicht so regelmäßig zu einer Schädigung der Erbmasse, wie man dies vor Jahrzehnten noch angenommen habe. Der Ruf nach Polizei, Zwang und Strafen dürfe nicht an der Spitze des Kampfes stehen, ein völliges Alkoholverbot bringe nichts. „Der Germane braucht die Freiheit als Lebensluft. Die Freiheit des Einzelnen … darf nur an den Grenzen des Volkswohls ihre Grenzen finden.“
Zum Abschluss der Tagung wird ein Reichsverwahrungsgesetz gefordert, des weiteren Verwarnungen für Alkoholiker, Wirtshausverbote, Schutzaufsicht und für die alkoholgegnerischen Vereine das Recht, Anträge auf Anordnung der Bewahrung stellen zu dürfen. Ein Teil dieser Forderungen scheint zu diesem Zeitpunkt jedoch schon in die Praxis umgesetzt zu sein, denn in ihrer November-Dezember-Ausgabe berichten die „Blätter für praktische Trinkerfürsorge“ unter dr Rubrik „Neue Wege“:

„In Sprottau, Schlesien, hat die Polizei unlängst tatkräftig durchgegriffen. Ende November, an einem Zahltag , wurden die 19 dort ansässigen Trinker, die neu auf die Säuferliste der Stadt gesetzt worden waren, den sämtlichen Gastwirten und ihren Angestellten gegenübergestellt. Die Liste ist dort in allen Gaststätten ausgehängt. Ausschank alkoholischer Getränke an die darin aufgeführten Personen ist polizeilich verboten. Bei der Vorstellung wurde jeder einzeln charakterisiert, seine Besonderheiten und seine Vorstrafen aufgeführt. Wer von ihnen eine Gastwirtschaft betreten würde, sei rücksichtslos festzunehmen, ein betrunken Angetroffener unbedingt in das Konzentrationslage zu bringen…
Am Tag darauf wurde einer der angesprochenen Trinker in angetrunkenem Zustand aufgegriffen: ein gewissenloser Kerl hatte ihm nach Empfang seiner Rente eine Flasche Schnaps besorgt… Beide bekamen Schilder um den Hals: „Ich habe meine Rente vertrunken“, bzw. : "Ich habe einem Säufer Schnaps besorgt“ und wurden von wackeren Hilfspolizisten unter Trommelschlag durch die Straßen geführt. Dann kamen sie beide in Polizeihaft…
Kurz vorher wurde auch in Castrop-Rauxl ein Mann mit folgendem Schriftschild durch die Straßen geführt: „Dieser Volksfeind verkaufte die von der NS-Volkswohlfahrt zugewiesenen Kartoffeln und setzte den Erlös in Alkohol um. Die gerechte Strafe wird ihn treffen.“

In Straßebersbach im Dillkreise holte man kürzlich einen als Trinker berüchtigten Schuhmacher aus seiner Wohnung und führte ihn durch die Straßen. Er musste ein Plakat tragen: „Was sich versaufe, entbehrt meine Familie“. Der Zug, einen Hornisten an der Spitze, hielt vor jeder Wirtschaft, und den Wirten wurde lauf aufgetragen, diesem Trinker keinen Alkohol mehr zu verabfolgen.
In Regensburg hat der Magistrat von den 88 auf die Säuferliste gesetzten Trinkern zunächst 5 in das Konzentrationslager Dachau bringen lassen zur Abschreckung für die anderen.

Quelle: Ernst Klee, „Euthanasie“ im NS-Staat – Die „Vernichtung
lebensunwerten Lebens“ S.Fischer-Verlag 1985 12. Auflage: Mai 2009

Fortsetzung im März.

 
 

Terminvorschau

Alle Termine öffnen.

01.11.2026, 10:30 Uhr - 12:00 Uhr Miteinander – Stammtisch
Unser Ortsverein lädt, wie immer am ersten Sonntag im Monat um 10:30 Uhr, Bürgerinnen und Bürger sowie alle Par …

10.11.2026, 17:00 Uhr - 19:00 Uhr Schwätze & Broore
Der Vorstand des SPD-Gemeindeverbandes Herrstein-Rhaunen lädt ein

16.01.2027 - 17.01.2027 Ordentlicher Bundespaeteitag 2027

30.01.2027 18. Bundesversammlung - Wahl der/des Bundespräsidentin/Bundespräsidenten
Nähere Informationen auf bundestag.de 

SPD Ortsverein Rhaunen

Aktiv zum Wohle unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger
 
 

Aktuelle Nachrichten

DER SPIEGEL
Die neue Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses ist eine Linke. Das Parlament hat Hendrikje Klein in seiner ersten Sitzung nach der Berlinwahl ins Amt gewählt. Nicht nur mit Stimmen von Rot-Grün-Rot.

Der finnische Präsident und der norwegische Regierungschef haben mit Russlands Machthaber Wladimir Putin telefoniert. Politiker von CDU, Grünen und FDP unterstützen den Anruf - das ist überraschend.

Die SPIEGEL-Enthüllungen über Elif Eralps Angst vor Terrorsympathisanten in Berlin sorgt für Aufsehen. Die CDU fordert das Ende der rot-grün-roten Regierungsbildung. Der Zentralrat der Juden zeigt sich schockiert.

Wer von den Großen nicht gefressen werden will, sollte sich besser zusammentun. Diese Botschaft will der Kanzler mit seiner Asienreise senden. Ärgerlich nur, dass ihm die Bundespräsidentinnendebatte dazwischenkommt.

Die geleakten AfD-Dokumente zeigen, wie sich die Partei radikalisiert. Es werden sogar Mitglieder rechtsextremer Organisationen finanziert, mit denen die AfD offiziell nichts zu tun haben will. Der SPIEGEL hat die Daten ausgewertet.

Barack Obama nimmt sich Donald Trump vor - schon wieder. Beim Wahlkampf für die Demokraten in Georgia walzt er genüsslich seinen Vergleich des Weißen Hauses mit einer Fast-Food-Kette aus.

Das neu gewählte Berliner Abgeordnetenhaus ist erstmals zusammengetreten. In einer Sitzungspause hat sich Elif Eralp zur SPIEGEL-Recherche geäußert.

Hören Sie hier, wie eine interne Notiz von Elif Eralp zum SPIEGEL kam - und warum wir sie trotz Sicherheitsbedenken veröffentlichen. Eine Sonderfolge des Politikpodcasts »Mad Kings« über die Frage, wie Angst die Politik in Berlin beeinflusst.

Elif Eralp möchte Regierende Bürgermeisterin Berlins werden. Doch in einem internen Vermerk zeigt die Linkenpolitikerin, dass sie sich vor Terrorsympathisanten mit Kontakten zur Hamas fürchtet. Kann so jemand für die Sicherheit in der Hauptstadt verantwortlich sein? Die SPIEGEL-Titelstory.

Elif Eralp will Berlin regieren und sieht sich bedroht. Das Bahnunglück in Spanien ist schrecklich - aber kein Grund, nicht in den Zug zu steigen. Und VW verkündet mal wieder miese Zahlen. Das ist die Lage am Donnerstagmorgen.

Während die Zustimmung für die CSU-Politikerin Ilse Aigner wächst, wird immer deutlicher: Der Kanzler ist damit nicht zufrieden. Aber spielt das noch eine Rolle?

Das Wahlergebnis in Israel ist weiter unklar. Spanien erlebt das zweite schwere Zugunglück in kurzer Zeit. Und Männer mit bestimmtem Vornamen haben häufig Spitzenpositionen in Unternehmen. Das ist die Lage am Mittwochabend.

WebSozis

Besucher:1176541
Heute:244
Online:4