Gegen das Vergessen; nie wieder!

Veröffentlicht am 14.05.2014 in Allgemein

Reimut Schmitt (Berlin)

Todesfabriken (Teil 6)

Im Sommer 1942 kamen in Auschwitz Judentransporte aus ganz Europa an, aus der Slowakei, Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Die seit Ende 1941 von den Deutschen betriebene Politik, Juden aus dem Westen vor ihrer endgültigen Deportation in Ghettos wie Lódz zu konzentrieren, wo eine weitere Selektion stattfinden konnte, bevor man die „arbeitsunfähigen“ Juden umbrachte, wurde aufgegeben.

Mit der Selektion in Auschwitz unmittelbar nach der Ankunft wurde der ganze Vernichtungsprozess gestrafft. Jetzt wurde von der tödlichen Wirkung des Lagers sogar ein Teil des Vereinigten Königreichs erfasst – die Ferieninseln Jersey und Guernsey, die beiden größten der Kanalinseln. Bei all denen, die fest davon überzeugt sind, dass niemand in England, Schottland oder Wales mit den Nationalsozialisten kollaboriert hätte, falls diese jemals ihren Fuß auf britischen Boden gesetzt hätten, muss die nun folgende Geschichte tiefe Verwirrung auslösen.

Die Kanalinseln, ein kleiner Archipel vor der Nordwestküste Frankreichs, konnten zu keiner Zeit von England verteidigt werden. Diese Inseln, die stets loyal zur britischen Krone standen, aber eifersüchtig auf ihre Unabhängigkeit von der britischen Regierung bedacht waren, wurden im Juni und Juli 1940 von den Deutschen kampflos besetzt. Ebenso wie in Frankreich zogen es die Deutsche vor, ihr Besatzungsregime soweit wie möglich über die bereits bestehende administrative Struktur auszuüben. Diese Besatzung war etwas völlig anderes als das deutsche Vorgehen in Polen oder der Sowjetunion. Dessen ungeachtet waren die deutschen Besatzer gegenüber den jüdischen Einwohnern der Kanalinseln ebenso unduldsam wir in Minsk oder Warschau. Im Oktober 1941 wurde in der Jersey Evening Post eine Bekanntmachung veröffentlicht, mit der die Juden aufgefordert wurden, sich bei Clifford Orange, dem für Ausländer zuständigen Beamten, registrieren zu lassen. Im selben Monat erschien eine ähnliche Bekanntmachung in der Guernsey Evening Post, mit der alle Juden auf der Insel aufgefordert wurden, sich bei der Polizei zu melden.

Da die jüdischen Bewohner der Inseln mit der unmittelbar bevorstehenden Ankunft der Deutschen gerechnet hatten, waren die meisten von ihnen bereits auf das britische Festland entkommen. Nur eine kleine Anzahl von ihnen war aus unterschiedlichen Gründen zurückgeblieben: Zwölf Juden ließen sich auf Jersey registrieren, auf Guernsey waren es vier. Auch hier wie im übrigen Europa war die polizeiliche Erfassung der Juden der erste Schritt zur systematischen Verfolgung. Als erstes mussten jüdische Ladenbesitzer in ihrem Schaufenster ein Schild mit der Aufschrift „jüdisches Geschäft“ aushängen; anschließend wurden die Geschäfte „arisiert“ und mussten unter Zwang an Nichtjuden verkauft werden. Bei diesem Verfahren leisteten die Behörden der Kanalinseln wertvolle Hilfe: Sie nahmen den Besatzern die Arbeit ab. In einem typischen und herzzerreißenden Brief von einem Juden auf Jersey, Nathan Davidson, an den Kronanwalt auf Jersey vom 23. Januar 1941 heißt es: „Gemäß Ihren Anweisungen möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich die Abwicklung meines Geschäfts beendet, den Rollladen vor dem Fenster heruntergelassen und ein Schild mit der Aufschrift „CLOSED“ von außen daran angebracht habe.“ Clifford Orange konnte im Juni 1941 dem Amtmann auf Jersey und über diesen den deutschen Besatzern bestätigen: „Es gibt auf der Insel keine Juden, die als solche registriert wären, die ein Geschäft betreiben.“

Weitere Anordnungen legten genaue Zeiten fest, in denen die Juden auf den Kanalinseln einkaufen durften, und verhängten über sie eine Ausgangssperre. Die einzige diskriminierende Anweisung, gegen die sich die Behörden auf Jersey sträubten, war die Vorschrift, dass die Juden einen gelben Stern tragen müssten. In diesem einen Fall wandten sich der Amtmann und der Kronanwalt an die deutschen Militärbehörden und baten sie, die Anordnung noch einmal zu überdenken. Doch trotz ihrer Proteste verlangte Dr. Casper, der deutsche Kommandant, es müssten spezielle Sterne auf die Insel geschickt werden, die in der Mitte das Wort „Jew“ trugen. Anscheinend trafen diese Sterne nie ein. Unter der verhängten Ausgangssperre war es den wenigen Juden auf den Inseln nicht mehr möglich, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nachdem Nathan Davidson sein Geschäft geschlossen hatte, brach der unter der Last der Verfolgungsmaßnahmen zusammen. Im Februar 1943 wurde er von einer psychiatrischen Klinik in Jersey aufgenommen und starb ein Jahr später. Ein weiterer Jude auf Jersey, Victor Emmanuel, beging Selbstmord.

Die restlichen Juden auf den Kanalinseln wurden ein Jahr später, im Frühjahr 1943, deportiert. Doch ihnen stand ein völlig anderes Schicksal bevor. Ihre Deportation – gemeinsam mit anderen aus einem breiten Spektrum der Kanalinselbewohner, darunter „Freimaurer“, „ehemalige Offiziere der Streitkräfte“ und „mutmaßliche Kommunisten“ – war eine Vergeltungsmaßnahme für den Überfall auf Sark, eine der kleinsten unbewohnten Kanalinseln, durch ein Kommandounternehmen fünf Monate zuvor. Nur ein einziger unter den deportierten Juden von den Kanalinseln wurde von den Deutschen für eine „Sonderbehandlung“ ausgesucht – John Max Finkelstein, ursprünglich aus Rumänien, der schließlich in das Konzentrationslager Buchenwald und von dort nach Theresienstadt deportiert wurde. Er überlebte den Krieg.

Natürlich konnten die Behörden auf den Kanalinseln, die den Deutschen bei der Erfassung und Deportation der Juden behilflich waren, nicht sicher wissen, welches Schicksal diese zu erwarten hatten. Aber ihnen musste klar sein, dass die Deutschen die Juden ausgesucht hatten, um sie zu verfolgen, und dass sie diesen Menschen sehr wahrscheinlich ein noch schlimmeres Leben zugedacht hatten. Dennoch unternahmen die Behörden nichts, um die Deportationen zu verhindern. Die Polizei und die Beamten arbeiteten im Gegenteil bereitwillig mit den Deutschen zusammen. Zwar haben wir gesehen, dass die Behörden auf Jersey gegen die Verordnung protestierten, mit der die Juden zum Tragen eines Sterns gezwungen werden sollten. Doch wie Frederick Cohen in seiner bahnbrechenden Untersuchung über die Behandlung der Juden auf den Kanalinseln während der Besatzungszeit feststellt, ist es andererseits sehr bezeichnend, dass die Behörden sich wesentlich stärker dafür verwenden, die Freimaurer zu schützen, die auf den Inseln lebten. In einem britischen Geheimdienstbericht vom August 1945 heißt es: „Als die Deutschen ankündigten, ihre geplanten judenfeindlichen Maßnahmen in die Tat umzusetzen, wurde von keinem der Beamten auf Guersey in irgendeiner Weise dagegen protestiert, und sie beeilten sich, die Deutschen in jeder Hinsicht zu unterstützen. Als dagegen Schritte gegen die Freimaurer angekündigt wurden, legte der Amtmann nachdrücklich Protest ein und unternahm alles mögliche, um die Freimaurer zu schützen.

“ Quelle: Laurence Rees „Auschwitz – Geschichte eines Verbrechens“

 
 

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