Gegen das Vergessen; nie wieder!

Veröffentlicht am 16.02.2015 in Allgemein

Reimut Schmitt (Berlin)

Es wird schlimmer (Teil 5)

Eberl1) hatte offenbar nicht richtig verstanden, was seine Vorgesetzten von ihm wollten. Er hatte ihnen eine exorbitant hohe Tötungsquote geliefert, aber er hatte die Morde nicht „richtig“ organisiert. Einer der bemerkenswertesten Aspekte seiner Entlassung ist die Äußerung Globocniks2), er werde ihn wegen seiner Führung des Lagers Treblinka vor ein „Polizeigericht“ bringen.

In der pervertierten Moral der oberen SS-Chargen verdiente Eberl eine strafrechtliche Verfolgung, weil er den Massenmord an Männern, Frauen und Kindern nicht effektiver organisiert hatte. Wie wir es heute sehen, bestand das Vergehen Eberls in den Augen seines Vorgesetzen darin , dass er das Verbrechen des Massenmors nicht „gut genug“ verübt hatte.

Ein entscheidender Bestandteil des Tötungsprozesses war die Anlieferung von Juden an die neuen Vernichtungslager. Die Fabriken brauchten Material – und in gigantischen Mengen. Infolgedessen wurde im Sommer und Herbst 1942 überall im besetzten Polen eine ganze Reihe von „Umsiedlungsaktionen“ durchgeführt. Himmler hatte in seinem Befehl vom 19. Juli bewusst alle Juden im Generalgouvernement eingeschlossen. Er befürchtete, die ganze Operation könnte scheitern, falls lokale Funktionsträger die Möglichkeit hätten, nach eigenem Ermessen zu handeln. Offenbar rechnete er damit, dass zwar in der Theorie alle Nationalsozialisten an die Notwendigkeit einer Lösung der „Judenfrage“ glaubten, einzelne aber dennoch versuchen könnten, den eine oder anderen zu retten, der in ihren Augen ein „guter Jude“ war. Ein Fall macht die von Himmler befürchtete Gefahr besonders deutlich – die Wirkung des Deportationsbefehls auf einen Deutschen mit einem stark entwickelten Humanitätsgefühl.

Albert Battel3) war als deutscher Wehrmachtsoffizier im südpolnischen Przemysl stationiert. Mit seinen über 50 Jahren war er älter als die meisten Wehrmachtsoffiziere und hatte vor dem Krieg lange als Rechtsanwalt gearbeitet. Obwohl er der NSDAP angehörte, hatte er keine makellose Vergangenheit als Nationalsozialist, da man beobachtet hatte, dass er in den dreißiger Jahren Juden mit Anstand behandelt hatte. Im Juli 1942 war Battel und der deutschen Wehrmacht in Przemsyl eine Gruppe jüdischer Arbeiter zugeteilt worden. Viele von ihnen arbeiteten in der Rüstungsindustrie und lebten in einem nahe gelegenen Ghetto; sie betrachteten sich im Vergleich zu vielen anderen polnischen Juden als privilegiert und geschützt. Gegen Ende des Monats ging das Gerücht, die SS werden in Bälde in der Stadt eine „Umsiedlungsaktion“ durchführen, wobei die Juden in das Vernichtungslager Belzec gebracht werden sollten. Doch die Juden, die für die deutsche Wehrmacht arbeiteten, nahmen diese Nachrichten mit einem gewissen Gleichmut auf, weil jeder von ihnen einen von der Wehrmacht ausgestellten Ausweis besaß, der sie in ihren Augen vor jeder SS-Aktion schützte. Außerdem sagten sie sich, dass sie ja für die deutsche Kriegswirtschaft arbeiteten und es deshalb sinnlos sein würde, sie zu deportieren. Aber sie hatten nicht mit der dogmatischen Weltanschauung hinter Himmlers Befehl gerechnet – alle Juden sollten sterben, ohne Ausnahme.

Am Samstag, dem 25. Juli, hörten die Juden von Przemysl ein Gerücht, dass die SS am folgenden Montag mit den Deportationen beginnen werde und dass ihre deutschen Ausweise fast alle wertlos würden. Einem der Juden gelang es, am Sonntag früh Battel zu erreichen und ihn vor der bevorstehenden Aktion zu warnen. Battel rief den Chef der lokalen Gestapodienststelle an und wollte wissen, was vor sich ging, doch dieser knallte statt einer Antwort den Hörer auf die Gabel. Aufgebracht suchte Battel seinen Vorgesetzten auf und ließ anschließend mit seinen Soldaten die Brücken über den San besetzen, der durch die Stadt verlief, womit er den Zugang zum Ghetto versperrte. Auf Anweisung des SS- und Polizeiführers in Krakow gab die Gestapo in Przemysl nach und macht ein Zugeständnis: 2500 Juden der Stadt erhielten Ausweise, die sie bis auf weiteres vor einer Deportation bewahrten. Um sicherzugehen, dass alle Juden, die für ihn arbeiteten, gerettet wurden, schickte Battel Lastwagen in das Ghetto, die sie und ihre Angehörigen abholten, und brachte sie anshließend im Kellergeschoss der Kommandantur der Stadt unter. Insgesamt wurden auf diese Weise 240 Juden aus dem Ghetto herausgeholt.

Die „Umsiedlungsaktion“ der SS gegen die Juden von Premysl ging am 27. Juli planmäßig weiter, und die große Mehrzahl von ihnen wurde nach Belzec transportiert, doch die Intervention Battels hatte mehrere tausend Juden vor eine unmittelbaren Deportation bewahrt. Einige Wochen später wurde Battel aus Premysl versetzt, und die SS leitete geheime Ermittlungen wegen seines Eingreifens ein. Die Ergebnisse gelangten schließlich zu Himmler, der dazu vermerkte, Battel solle nach Beendigung des Krieges zur Rechenschaft gezogen werden. Battel wurde anschließend aus gesundheitlichen Gründen aus der Wehrmacht entlassen, in den letzten Kriegsmonaten in seine Heimatstadt Breslau zum Volkssturm eingezogen und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft.

Die verschiedenen Motive, die für Battels Rettung einer größeren Zahl der Juden in Premysl ausschlaggebend waren, dürften sich schwer voneinander trennen lassen. Doch während es sicherlich außer Zweifel steht, dass ihn seine Vorgesetzten in der Wehrmacht hauptsächlich unterstützten, um den Verlust ausgebildeter Arbeitskräfte zu verhindern, war Battel offenbar von dem Gefühl getrieben, dass die Deportationen in die Vernichtungslager schlicht ein Unrecht waren. Battel wurde 1981, lange nach seinem Tod, in Yad Vashem in Israel als ein „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.

1) Irmfried Eberl (* 8. September 1910 in Bregenz, Österreich-Ungarn; † 16. Februar 1948 in Ulm) war als Arzt von 1940 bis 1942 medizinischer Leiter der Tötungsanstalten Brandenburg und Bernburg im Rahmen der Aktion T4und anschließend im Sommer 1942 erster Leiter des Vernichtungslagers Treblinka im Rahmen der Aktion Reinhardt. Nach dem Krieg ließ sich Eberl als Arzt im schwäbischen Blaubeuren nieder, wo er zunächst ungestört praktizieren konnte. Im Sommer 1947 wurde dieGeneralstaatsanwaltschaft Stuttgart von den amerikanischen Militärbehörden auf einen in Blaubeuren niedergelassenen Arzt mit dem Namen des ehemaligen Leiters der „Euthanasie“-Anstalt Bernburg aufmerksam gemacht. Eine Vernehmung Eberls durch amerikanische und deutsche Dienststellen brachte keine Aufklärung. Nach Kontaktaufnahme mit der Staatsanwaltschaft im sowjetisch besetzten Bernburg bat diese am 30. Dezember 1947 um die Verhaftung von Eberl. Er kam am 8. Januar 1948 in Untersuchungshaft für die amerikanische Militärregierung. Eine Klärung seiner Identität war jedoch nicht möglich. Bei der Vernehmung einer in der „Euthanasie“-Anstalt Grafeneck tätigen Schwester durch das Landeskriminalpolizeiamt Tübingen am 9. Februar 1948 erkannte diese auf einer ihr vorgelegten Fotografie Eberl. Als Eberl am 15. Februar 1948 von einem Mitgefangenen auf das 1946 erschienene Buch „Der SS-Staat“ von Eugen Kogon und den darin erwähnten gleichnamigen Arzt angesprochen wurde, entschloss sich Eberl wohl zum Suizid, den er am nächsten Tag, den 16. Februar 1948, durch Erhängen in seiner Gefängniszelle in Ulm ausführte. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Ermittlungsbehörden immer noch keine Kenntnis von der wahren Identität des toten Untersuchungsgefangenen.

2) Odilo Globocnik, (* 21. April 1904 in Triest; † 31. Mai 1945 in Paternion, Kärnten) war ein österreichischer Nationalsozialist, SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurde er für einige Monate Gauleiter in Wien und war dort maßgeblich für die Judenverfolgung verantwortlich. Nach der deutschen Besetzung Polens wurde er SS- und Polizeiführer im Distrikt Lublin des Generalgouvernements. Als Leiter der Aktion Reinhardt zur Vernichtung der Juden im Generalgouvernement unterstanden ihm die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka. In seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Ostindustrie GmbH organisierte er die Ausbeutung jüdischer Arbeitskräfte mit. 1943 wurde er zum Höheren SS- und Polizeiführer in der Operationszone Adriatisches Küstenland ernannt, wo er die Bekämpfung von Partisanen und die Deportation von Juden in das KZ Auschwitz-Birkenau organisierte. Nach Kriegsende wurde er Ende Mai 1945 durch Angehörige der britischen Armee festgenommen und beging kurz darauf Suizid.

3) Albert Battel (* 21. Januar 1891 in Klein Pramsen (Landkreis Neustadt O.S.); † 1952 in Hattersheim) war ein deutscher Rechtsanwalt, Oberleutnant der Wehrmacht und Gerechter unter den Völkern. Battel trat 1933 der NSDAP bei und übernahm Funktionen im Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund. Battel half im gleichen Jahr aber auch seinem jüdischen Schwager zur Flucht in die Schweiz. 1936 wurde ein Parteiverfahren gegen ihn angestrengt, da er Mitleid mit der Notlage eines Juden geäußert habe. Nach glaubhaften Angaben schützte er jüdische Berufskollegen und politisch Verfolgte; er soll sogar Klienten aus dem Konzentrationslager freibekommen haben. Als 51-jähriger Reservist und Rechtsanwalt aus Breslau wurde Battel 1942 in Przemyśl in Südpolen als Adjutant des örtlichen Militärkommandanten MajorMax Liedtke stationiert. Nachdem die SS am 26. Juli 1942 das Ghetto umstellte, um die erste groß angelegte „Evakuierung“ (Deportation) der Juden von Przemyśl vorzubereiten, flüchteten nachts einige Ghettoinsassen. Sie baten Battel um Schutz für sich und ihre Angehörigen. Battel konnte seinen Vorgesetzten Liedtke davon überzeugen, zumindest die Juden, welche für die Wehrmacht arbeiteten, unter ihren Schutz zu stellen. Daraufhin ließ Battel die einzige Brücke über den San versperren, welche den Zugang zum Ghetto darstellte. Als das SS-Kommando gegen Mittag ankam, drohten Battels Männer ihnen mit Waffengewalt, sollten diese nicht von ihrem Vorhaben ablassen. Daraufhin zog das SS-Kommando unverrichteter Dinge wieder ab. Formal war Battels Handeln durch den verhängten Belagerungszustand gedeckt. Battel gewährte 90 jüdischen Arbeitern mit ihren Angehörigen im Hof der Kommandantur Schutz. Am späten Nachmittag schickte er zwei Lastkraftwagen ins Ghetto und konnte in fünf Fahrten 240 Personen, etwa 100 seiner „Arbeitsjuden“ und deren Familien, aus dem Ghetto zur nahe gelegenen Kaserne holen. Dort wurden sie für etwa eine Woche in den Kellerräumen versteckt gehalten, während die SS das Ghetto „evakuierte“ und die Insassen in dasVernichtungslager Belzec deportierte. Insgesamt überlebten unter dem Schutz der Wehrmacht 500 Juden die Evakuierung der polnischen Stadt Przemysl. Albert Battel war schon früher wegen seines respektvollen und menschlichen Umgangs mit den Juden aufgefallen. Auch in Przemyśl galt er als ein engagierter Freund der Juden. Als seine Tat bekannt wurde, stellte die SS geheime Ermittlungen an, von denen Battel selbst nichts erfuhr. Auf Befehl Heinrich Himmlers hin sollte Battel nach Kriegsende aus der NSDAP entfernt und inhaftiert werden. Doch dazu kam es nie. 1944 schied Battel aufgrund einer Herzkrankheit aus dem militärischen Dienst aus, und ging zurück in seine Heimatstadt Breslau. Mit der Besetzung Deutschlands fiel Battel in sowjetische Gefangenschaft. Albert Battel starb 1952 im hessischen Hattersheim an einem Herzinfarkt. Am 22. Januar 1981 wurde Battel in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als ein Gerechter unter den Völkern verewigt. Sein Vorgesetzter, Max Liedtke, wurde 1994 ebenfalls für die Judenrettung von Przemyśl in Yad Vashem geehrt.

Quelle: Laurence Rees „Auschwitz – Geschichte eines Verbrechens“ und Wikipedia

 
 

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