Reimut Schmitt (Berlin) Judenverfolgung in Berlin
(Behördenmaßnahmen in der Reichshauptstadt)
Der Monat Dezember (Teil II)Fortsetzung
Dezember 1939
4. Dezember:
Die Reichsbezugskarten für Lebensmittel (Periode 18. Dezember 1939 bis 14. Januar 1940) erhalten Juden getrennt von der übrigen Bevölkerung.
In Berlin bekommen sie diese nicht – wegen Weihnachten – eine Woche im voraus von den NS-Volkswohlfahrt-Blockwaltern am 8. und 9. Dezember ausgehändigt, sondern müssen sich diese vier Tage später von den Kartenstellen selbst abholen (Verfügung des Oberbürgermeisters)
Dezember 1940
Anfang Dezember:
Hitler ordnet schriftlich die Deportation aller 60000 Wiener Juden „noch während des Krieges“ an. Mit den Transporten nach Polen soll Anfang 1941 begonnen werden.
24. Dezember:
Ab 1941 wird von Juden eine fünfzehnprozentige Zwangssteuer, die „Sozialausgleichsabgabe“, zusätzlich zur Einkommens- und Lohnsteuer auf Einkommen und Zwangsarbeitslöhne erhoben.
Dezember 1941
1. Dezember:
Die jüdische Bevölkerung verliert das freie Verfügungsrecht über ihren verbliebenen persönlichen Besitz. Die Gestapo verbietet Juden den Verkauf, die Vermietung, die Verpachtung oder das Verschenken ihren mobilen Vermögens (Möbel etc.).
5. Dezember:
Das Landsjugendamt Berlin unterrichtet alle Bezirke darüber, dass für jüdische Jugendliche das Jugendschutzgesetz infolge der reichsweiten Zwangsarbeitsverordnungen vom 3. und 31. Oktober 1941 nicht mehr gilt (Verfügung des Landsjugendamtes).
12. Dezember:
Das Reichssicherheitshauptamt untersagt Juden, welche den „Stern“ tragen müssen, die Benutzung öffentlicher Fernsprechstellen (Telefonzellen, Postkabinen etc.)
15. Dezember:
Anträge zur einfachen Grabpflege (Gießen und Reinigen) für Gräber jüdischer Verstorbener sowie Anträge auf Übernahme einer „Dauergrabpflege für Judengräber“ werden nicht mehr angenommen. Bestehende Verträge müssen hingegen für die Dauer der Ruhefrist erfüllt werden. Laut Verfügung vom 5. Juli 1934 hatten Angehörige Inschriften „marxistischen Einschlags“ ebenso wie Freimaurerzeichen von Grabsteinen zu entfernen. Auf jüdischen Grabsteinen sind solche Zeichen auch dann zu beseitigen, wenn sie möglicherweise keine Freimaurersymbole, sondern Berufszeichen des Verstorbenen darstellen (Verfügung der Oberbürgermeisters).
30. Dezember:
Finanzielle Hilfen, um begabte bedürftige Schüler an städtischen Schulen zu fördern, dürfen Juden und „Mischlinge“ ab 1. April 1942 nicht mehr erhalten (Grundsätze über die Bewilligung von Wirtschaftsbeihilfen für Schüler, Schülerinnen und Studierende an städtischen Schulen der Reichshauptstadt Berlin).
Dezember:
Im Kulmhof (Chelmno) im Warthegau, das dem Deutschen Reich angegliedert ist, werden Juden systematisch und massenweise in speziell umgebauten Lastkraftwagen mit Autoabgasen getötet.
Im Jahr 1941 registriert die Verwaltung des jüdischen Friedhofs Berlin-Weißensee 267 Selbstmorde, davon allein 79 in der zweiten Oktoberhälfte, als die Deportationen begannen, und 162 bis Ende November. Die Dunkelziffer der Suizide liegt jedoch weit höher. Allein auf dem Friedhof Stahnsdorf werden nur für die Zeit von Mitte Oktober bis Anfang November noch acht weiter Freitodfälle erfasst.
Dezember 1942
Anfang Dezember:
In der Reichshauptstadt, wo noch weit mehr als 15000 jüdische Zwangsarbeiter beschäftigt sind, erfahren die Privatunternehmen, dass „nach neuesten Informationen“ die Frist für deren Abzug am 31. März ablaufe.
11. Dezember:
Viele Berliner Juden haben die Meldzettel für die statistische Erfassung nicht abgeliefert, wie ein Vergleich der Zettel mit den „Urlisten“ ergibt. Sie werden aufgefordert, dies mit Frist bis zum 14. Dezember nachzuholen. Wer dem nicht Folge leistet, wird bestraft (Anordnung der Gestapo im „Jüdischen Nachrichtenblatt).
Bis Dezember:
Im Jahr 1942 registriert der jüdische Friedhof Berlin-Weißensee die bisher höchste Anzahl von Selbsttötungen während der NS-Zeit, obwohl die jüdische Bevölkerung infolge der Deportationen von einst 160000 auf wenige Zehntausend geschrumpft ist. Insgesamt 823 Berliner nahmen sich das Leben. Die Dunkelziffer liegt sicher weit höher.
Ende Dezember:
In Berlin leben nach mehr als einem Jahr Deportationen nur noch knapp 33000 von den Nationalsozialisten als Juden definierte Deutsche, von ihnen sind 15100 als Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen beschäftigt.
Dezember 1943
Bis Dezember:
Im Jahr 1943 registriert der jüdische Friedhof Berlin-Weißensee, dass von den nur noch wenige zehntausend zählenden Berliner Juden sich 233 Menschen das Leben nahmen, fast so viele wie in den fünf Jahren von 1933-1937 bei einer zehnfach höheren jüdischen Einwohnerzahl. Die Dunkelziffer liegt noch weit höher.