Gegen das Vergessen; nie wieder!

Veröffentlicht am 10.04.2012 in Allgemein

Reimut Schmitt (Berlin)

Der Aufbau der Euthanasie-Organisation und der Beginn der Massenmorde

Propagandistische Vorbereitung

1938 ist es üblich geworden, durch psychiatrische Kliniken Besucher zu treiben, um am lebenden Objekt die Notwendigkeit von Erbhygiene und „Euthanasie“ zu demonstrieren. In der bayerischen Anstalt Eglfing-Haar werden beispielsweise Lehrgänge für Gauamtsleiter und Kreisleiter durchgeführt. Der Anstaltsleiter höchstpersönlich hat die Schulung von Bataillons- und Regimentskommandeuren auf seinem „Spezialgebiet negativer Auslese“ übernommen.

Wie in einem Defektzirkus wird das entsprechende „Krankenmaterial“ vorgeführt.
Auch in der 1884 gegründeten Heilanstalt Emmendingen werden Kranke vorgeführt. Hier besichtigen die oberen Klassen der höheren Schulen Freiburgs jene „Kreaturen“, die zuvor im Rassenunterricht (Biologie) abgehandelt worden sind. Der Emmendinger Arzt Dr. Pflüger bittet im Januar 1938 den Direktor der Ludendorffschule in Freiburg, nach einer solchen Veranstaltung einen Aufsatz schreiben zu lassen. Am 3. Februar mache sich 42 Abiturienten an das Thema: „Besuch einer Heil- und Pflegeanstalt“.

Keiner der 42 vergisst, die Entlastung der Staatskassen als Hauptargument für eine zukünftige „Euthanasie“ anzuführen. Einer setzt sogar hinzu: „zum Zwecke der Rüstung“. Keiner der Abiturienten zweifelt im Aufsatz an der Notwendigkeit und Wirksamkeit der Rassengesetzgebung. Einige der Schüler zeigen sich allenfalls enttäuscht, dass die Patienten nicht annähernd so „abstoßend und ekelerregend“ ausgesehen haben, wie sie es erwarte hatten. Andere befinden dagegen: „Höhepunkt des Grauens“, „Menschenruinen mit tierischem Instinkt“, oder: „Kein Vergleich mit dem Tier“. Ganz unkritisch sind jedoch nicht alle Aufsatzschreiber, denn es taucht auch die Frage auf, ob nicht bei dieser Art Anstaltsbewahrung auch halbwegs Gesunde wahnsinnig würden. Die Demonstration der Kranken „ als Ausstellungsgegenstände“ wird im Einzelfall ebenfalls gerügt.

Dennoch: 35 von 42 Abiturienten befürworten eindeutig, dass bald unser Volk ganz befreit sein wird von derartig üblen Anhängseln und erwarten, „dass der Arzt bald überflüssig sein wird“. Wenn ein Schüler die Ziele der neuen Geisteskrankenpflege noch nicht begreift, hilft der Biologielehrer nach. Mit roter Tinte bemerkt er am Heftrand an: „Schierlingsbecher nach Hoche-Bindung“.
Wir sehen: Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ ist propagandistisch vorbereitet. Im Sommer 1938 bei einer Tagung der Dezernenten für das „Irrenwesen“ im Deutschen Reich, spricht es einer auch ganz offen aus: Die Lösung der Irrenpflege sei einfach, wenn man die Irren einfach umbringe.
Noch deutlicher hat sich Dr. Wilhelm Hinsen am 10. Dezember 1946 im Prozess gegen Personal der Anstalt Eichberg geäußert. Hinsen, der Anfang 1938 seinen Dienst als Anstaltsleiter quittierte („Die Euthanasie stand am Horizont“):
Der Landeshauptmann Traupel 1) hat im Jahre 1936 oder 1937 mindestens zweimal zu mir gesagt, es sei doch besser, wenn ein Gesetz bestünde, dass man die Geisteskranken abtöte, denn sie seien doch nur Ballastexistenten. Auf einer Direktoren-Konferenz im Schloss Dehrn, die etwa 1936 gewesen sein muss, sagt Bernotat 2) im Kreise der versammelten Direktoren: wenn ich Arzt geworden wäre, ich würde dies Kranken umlegen…

1) Wilhelm Traupel wurde 1891in Mainz geboren. Nach dem Besuch der Oberrealschule und der Höheren Handelsschule in Mainz absolvierte er eine kaufmännische Ausbildung. Von 1914 bis 1918 nahm er am Ersten Weltkrieg teil. 1914 trat er in die Krupp AG ein, wo er rasch Karriere machte. Am 1. Oktober 1930 trat er in die NSDAP ein. Von 1931 und bis 1933 war er Mitglied der SA, anschließend der SS. In der NSDAP engagierte er sich zunächst als Redner und als Wirtschaftsreferent sowie als Ortsgruppenleiter. Im Sommer 1931 verließ er den Krupp-Konzern und wechselte zum NSDAP-eigenen „Frankfurter Volksblatt“, das er bis 1933 leitete.

1933 wurde er Stadtrat in Frankfurt und Landeshauptmann von Nassau. Von 1941 bis 1944 diente er in der Wehrmacht. Am 9. November 1944 wurde er zum Reichssicherheitshauptamt nach Berlin versetzt. Am 7. Februar 1946 beging er Selbstmord.

2) Fritz Bernotat wurde 1890 in Ostpreußen geboren. 1908 ging er zum Militär und verpflichtete sich später als Berufssoldat. Aufgrund der durch den Versailler Vertrag erzwungenen Verkleinerung der Reichswehr verlor Bernotat 1919 seine Stelle als Berufssoldat.

Bernotat trat bereits am 1. November 1928 der NSDAP bei. Ab 1928 war er Mitglied der SA. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde Bernotat zum politischen Beauftragten des Gauleiters beim Bezirksverband Nassau und zum Adjutanten des Landeshauptmanns bestellt.

Weitere Stationen seiner steilen Karriere waren Ortsgruppenleiter, Führungsreferent und 1935 SS-Hauptsturmführer. 1936 Ratsherr der Stadt Wiesbaden. Als „Vereinsleiter“ des Trägervereins einer Heil- und Pflegean fungierte er ab 1937. Ab 7. Mai 1937 war er Vorsitzender des Vereins für Volkspflege e.V. und ab 8. August 1937 Vorstand der Heil- und Pflegeanstalt Scheuern.

Durch tatkräftige Unterstützung, die ihm seine bekannten Parteifunktionäre angedeihen ließen, stieg er im Jahre 1933 um vier Stufen vom Landesobersekretär bis zum Landesbürodirektor am 1. November 1933 auf. Am 1. April 1937 wurde ihm das Dezernat für die zentrale Verwaltung des gesamten Anstaltswesens des Bezirksverbandes übertragen.

1940 übernahm Bernotat die Funktion eines Fachschaftsgruppenwalters des Reichsbundes der Deutschen Beamten, die ihm als Parteimann Einfluss auf die Personalpolitik des Bezirksverbandes ermöglichte.

Bereits in seiner ersten Rede als neuer Dezernent für das Anstaltswesen des Bezirksverbandes profilierte sich Bernotat auf einer am 24. September 1937 vom Deutschen Gemeindetag in München veranstalteten Anstaltsdezernentenkonferenz als der Verfechter einer radikalen Sparpolitik zu Lasten der Kranken. Aus dem von ihm angeführten Hitlerzitat: „All unsere Arbeit hat dem deutschen Volk zu dienen“, leitete Bernotat ab, „dass die Aufwendungen für Erbkranke und Asoziale so niedrig zu halten sind, wie nur irgend möglich.“

Mit einer maximalen Belegung beziehungsweise Überbelegung und einer Änderung des „Pflegeschlüssels“ durch die Verdoppelung der auf einen betreuenden Arzt entfallenden Patientenzahl, habe er bereits die notwendigen Sparmaßnahmen eingeleitet, die er seinen Kollegen zur Nachahmung empfahl. Hinzu kämen noch Einsparungen bei der Ernährung und die Verwendung von Strohsäcken anstelle von Matratzen. Ein Mitarbeiter zitierte nach dem Krieg Bernotat mit dessen Ausspruch gegenüber den Ärzten und dem Pflegepersonal über die Insassen der Anstalten: „Schlagt sie doch tot, dann sind sie weg!“

Bei Heranrücken der US-Armee im März 1945 setzte sich Bernotat mit seiner Frau und Sekretärin nach Osten ab. Ein eingeleitetes Ermittlungsverfahren, unter anderem auch gegen Bernotat, führte nicht zu einem Strafverfahren, da er offiziell als verschollen galt. Tatsächlich war er mit seiner Frau im Oktober 1945 in Neuhof bei Fulda unter dem Falschnamen „Kallweit“ untergetaucht. Als „Otto Kallweit“ wurde Bernotat als „nicht betroffen“ entnazifiziert.

Er starb am 4. April 1951 in Neuhof. Seine Identität und sein Tod wurden erst bekannt, als seine Witwe 1954 wieder seinen Namen annahm und eine Witwenpension beantragte.

Ebenso wenig wie Bernotat, wurden auch die übrigen Verantwortlichen des Bezirksverbandes wegen der Verbrechen strafrechtlich belangt, die in ihrem Wirkungsbereich geschahen.

 
 

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