Gegen das Vergessen; nie wieder!

Veröffentlicht am 15.01.2013 in Allgemein

Reimut Schmitt (Berlin)

Der Sterilisierungsstop am 1. September 1939

Am 1. September, in der Frühe um 4.45 Uhr rücken deutsche Truppen in Polen ein. Es ist Krieg. Damit ist der Zeitpunkt gekommen, um sogleich mit der Vernichtung der "Minderwertigen" im eigenen Volk zu beginnen. An der Stelle der bisher geübten Sterilisierungspraxis kann nun ungehemmt die "Euthanasie" treten.

Mit dem Sterilisierungsstop verhält es sich wie später mit dem Euthanasie-Stop: Er findet nur bedingt statt. Es wird weiter sterilisiert bis 1945, allerdings in eingeschränktem Umfang, da die Ärzte bei den Truppen benötigt werden. Die Schätzzahlen, wie viele Menschen insgesamt sterilisiert wurden, liegen zwischen 200 000 und 350 000.

Kein Land der Welt hat ein ähnlich rigoroses Gesetz erlassen, geschweige denn durchgeführt (und wir dürfen nicht vergessen, dass viele aus politischen Gründen sterilisiert wurden: Wer gegen Hitler ist und dieses auch noch offen bekundete, muss ja schwachsinnig sein!). Doch was so riguros begonnen wurde, soll nun in einem in der Weltgeschichte einmaligen Ausmaß fortgesetzt werden:

Das Ende des Planungsstadiums

Im September 1939 erhält Dr.med. Werner Kirchert1), Referent von Ernst Grawitz 2), des Reichsarztes SS, den dienstlichen Auftrag, sich in der Kanzlei des Führers bei Hefelmann zu melden. Kirchert ist als Direktor der ersten Tötungsanstallt Grafeneck vorgesehen und bekommt von Viktor Brack einige Tage Bedenkzeit, ob er mitmachen will.

Wie weit die Planungen zu dieser Zeit gediehen sind, zeigt das Gespräch, das Kirchert während seiner "Bedenkzeit" mit seinem Chef führt:

"Dr. Grawitz wies mich nachdrücklich auf die Notwendigkeit unbedingter Geheimhaltung hin und erklärte mir, dass es aus diesem Grunde notwendig sei, die Tötungsanstalten von der Außenwelt völlig abzuschließen, woraus folge, dass auch das Personal einschließlich meiner Person keine Verbindung zur Bevölkerung unterhalten durfte. Es sei keine angenehme Aufgabe, aber man müsse auch bereit sein, unangenehme Arbeiten zu übernehmen, allerdings wolle er damit die SS nach außen hin nicht belasten, obwohl er mindestens einen Teil des Personals aus der SS zur Verfügung stellen müsse. Er schließe sich von diesen Unannehmlichkeiten nicht aus und werde bereit sein, nach Errichtung der ersten Tötungsanstalt die Tötung des ersten Geisteskranken selbst durchzuführen. Die SS-Angehörigen, die für diese Aktion tätig werden müssten, dürften aber keine Uniform tragen. Im Übrigen werde für die Zeit der "Klausur" alles getan, um den Betroffenen diese Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Nicht nur für die Lebenshaltung werde besonders gesorgt (Radio, Bücherei, Alkohol usw..), sondern es werde auch ein wesentlich höheres Gehalt gezahlt werden."

Kirchert hat jedoch Bedenken und sagt ab, zumal ihm die - seiner Aussage nach - phantastischen Vorstellungen Hefelmanns nicht behagen:

"Ende September oder Anfang Oktober wurde ich erneut zu Dr. Hefelmann bestellt. Bei dieser Besprechung entwickelte Dr. Hefelmann Pläne, wie man sofort mit dem Beginn der Aktion zugleich mehrere hundert Menschen töten, und wie man solches Massensterben tarnen könne. Er sprach von Eisenbahn- und Omnibusunglück usw., die man als Grund des plötzlichen Todes den Angehörigen und der Öffentlichkeit angeben könnte. Meine Einwendungen, ein solches Vorgehen sei praktisch unausführbar, wies Heflmann zurück. Ich gab daraufhin auch Dr. Hefelmann bereits zu erkennen, dass ich unter diesen Umständen nicht bereit sei, an der Aktion teilzunehmen."

Der Krieg ermöglicht es, "im Zuge kriegsbedingter Räumungsmaßnahmen" ganze Anstalten zu verlegen, ohne dass dies zunächst Verdacht erregen muss. So werden am 4. September - auf Weisung des Lansrats von Kehl - 275 Epileptiker und 30 Altersheimbewohner der Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische in Kork in die vollbelegte Anstalt Rastatt Stetten gebracht.

Kranke und Personal der badischen Anstalt Rastatt werden am 5. September geschlossen nach Zwiefalten verfrachtet, um die Rastatter Gebäude als Kaserne nutzen zu können.
September 1939 sind die Euthanasie-Vorbereitungen organisatorisch abgeschlossen.

1) Nach Kriegsende wurde Kirchert im Arbeits- und Festhaltelager Eichstätt interniert. Vor dem Schwurgericht am Landgericht München wurde Kirchert am 11. Juni 1953 zu viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Ein von der Staatsanwaltschaft Würzburg eingeleitetes Ermittlungsverfahren wurde 1995 nach dem Tod Kircherts eingestellt.

2) Ernst Grawitz, der Mann, der das Deutsche Rote Kreuz in den nationalsozialistischen Apparat integriert hatte, entzog sich einer Bestrafung durch die Alliierten. In den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 brachte er sich und seine Familie mit einer Handgranate in seiner Babelsberger Villa an der Karl-Marx-Straße 59 um.

Quelle: Ernst Klee: "Euthanasie" im NS-Staat S.Fischer-Verlag, Frankfurt 1985

 
 

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