Gegen das Vergessen; nie wieder!

Veröffentlicht am 17.02.2013 in Allgemein

Reimut Schmitt (Berlin)

Die Euthanasie beginnt in Polen und Westpreußen

Nach Kriegsbeginn hat der Gauleiter der NSDAP, Oberpräsident und Reichsverteidigungskommissar für die preußische Provinz Pommern, Franz Schwede-Coburg1), den Entschluss gefasst, die ihm unterstehenden Heil- und Pflegeanstalten anderen Zwecken zuzuführen. Schwede-Coburg, einer der ältesten Anhänger Hitlers, erklärt seinen höchsten Mitarbeitern, die Geisteskranken sollten in westpreußische Anstalten verlegt werden.

Wörtlich formuliert er: "Suchen Sie die übelsten Kranken aus." Bei einem Treffen mit Himmler bietet Schwede-Coburg dem Reichsführer SS die Anstalt Stralsund als Kaserne an. Himmler nimmt dankend an. Die pommerschen Anstalen, die Schwede-Coburg - als dem Oberpräsidenten - unterstehen, sind Stralsund, Treptow an der Riga, Ueckermünde, Lauenburg und Meseritz-Obrawalde. im Oktober 1939 bekommt der in Danzig stationierte SS-Sturmbannführer Kurt Eimann2) den Befehl, Geisteskranke, die in mehreren Transporten aus pommerschen Anstalten eintreffen sollen, auf dem westpreußischen Bahnhof Neustadt mit Lastwagen der Danziger Verkehrsbetriebe abzuholen und an einem geeigneten Ort zu erschießen.

Der Sturmbannführer entscheidet sich für ein Gelände im Wald von Piasznicz, Kreis Neustadt. Er findet eine Lichtung, die einerseits mit den LKWs gut zuerreichen und andererseits gegen neugierige Blicke geschützt ist. Er sucht sich zu diesem Sonderkommando SS-Leute aus, die "charakterlich und weltanschaulich gefestigt" erscheinen. Für die Dauer ihres Einsatzes werden sie durch Filmvorführungen und Kameradschaftsabende abgelenkt. Polnische Häftlinge des Konzentrationslagers Stutthof müssen die Massengräber ausheben.

Die Kranken der Anstalt Stralsund werden vom Anstaltspersonal bis Lauenburg gebracht. In Lauenburg muss das Anstaltspersonal den Zug verlassen und Geld- und Wertsachen der Patienten aushändigen. Einem Reichsbahnobersekretär, der auf dem Bahnhof Lauenburg als Fahrdienstleiter und Aufsichtsbeamter Dienst tut, fallen Männer in Zwangsjacken auf. Er fragt die SS-Männer, wohin die Kranken kämen. Nach Neustadt, lautet die Antwort. Ob die Leute in die Anstalt Neustadt kämen, fragt er weiter. Nein, antworten die Männer, sie kämen weiter "in den Wald hinein".

Ein Bahnbediensteter des Bahnhofs Neustadt beobachtet dagegen, dass die Kranken zunächst in normalen Personenwagen herangebracht werden, im Laufe des Winters jedoch nur noch in geschlossenen Güterwagen. Er sieht, wie Lastkraftwagen an die - von SS umstellten - Türen der Güterwagen heranfahren, und dass die Patienten auf LKWs verfrachtet werden. Er vermutet gleich, dass sie erschossen werden sollen. Auch einem Arzt, selbst SS-Untersturmführer, fallen die mit Karabinern bewaffneten SS-Leute auf, die die Kranken auf dem Güterbahnhof ausladen. Der Neustädter Bürgermeister beobachtet dagegen, dass die Lastwagen morgens zwischen 9 uns 10 Uhr mit den Patienten wegfahren und nachmittags gegen 15 Uhr leer, aber mit Kleidungsstücken beladen, zurückkommen. Die SS-Leute haben die Weisung, auf dem Weg zur Erschießungsstelle mit den Opfern belanglose Gespräche zu führen: "Sprecht mit ihnen, wenn sie anspechbar sind, behandelt sie nett als Kranke." Eimann, der nichts von seinen Männern verlangen will, was er selbst nich tut, erschießt das erste Opfer. Eine dieser Exekutionen hat Sturmbannführer Eimann recht freimütig geschildert:

"Der Transportzug brachte etwa 120 Geisteskranke. Sie wurden von mir am Bahnhof in Empfang genommen. Ich hatte das Gelände durch zwei oder drei Züge meines Sturmbannes absperren lassen. Sie wurden mir vom Pflegepersonal übergeben. Die Kranken wurden dann durch die SS-Männer auf Lastkraftwagen geladen, die meiner Truppe ständig zur Verfügung standen. Die Lastkraftwagen fuhren dann bis auf etwa 50 m an die Erschießungsstelle heran. Ich begleitete den Transport. Dort ließ ich die Kranken einzeln aussteigen. Jeweils zwei SS-Männer führten den Geisteskranken bis an den Rand der Grube, ein dritter SS-Mann folgte mit einer Pistole 08. Am Grubenrand schoss der drittte SS-Mann dem Kranken mit der Pistole in das Genick, so dass er in die Grube fiel. Dieser Vorgang wiederholte sich einzeln hintereinander bei sämtlichen Kranken des Transports. Das SS-Kommando von drei Mann wechselte ständig. Sobald der Schuss gefallen war, setzte sich das nächste Kommando zu der Grube in Marsch. Die Zahl der Einzelkommandos zu je drei Mann mag fünf bis zehn betragen haben. Geschossen wurde auch innerhalb des einzelnen Kommandos abwechselnd."

Die Erschießung der Kranken dauert jeweils mehrere Stunden. Die Exekutionen im Wald von Piasznicz dauern mehrere Wochen lang. Danach werden die Leichen mit vi Sand bedeckt und von dem polnischen Grabkommando an der Oberfläche mit natürlichem Waldboden versehen. Am Ende müssen auch die polnischen Zeugen sterben.

Wieviele Menschen vom Sturmbann Eimann tatsächlich getötet wurden und woher die Transporte im einzelnen kamen, ist strafrechtlich nicht geklärt. Einen Anhaltspunkt bietet jedoch der "Bericht über Aufstellung, Einsatz und Tätigkeit des SS-Wachsturmes E", den der höhere SS- und Polizeiführer Danzig und Westpreußen Hildebrandt an Himmler schickte. In dieser "Leistungsbilanz" heißt es unter Punkt 4: "...zur Beseitigung von 1400 unheilbar Geisteskranken aus pommerschen Irrenanstalten", und unter Punkt 5: "...zur Beseitugung von ca. 2000 unheilbar Geisteskranken der Irrenanstalt Konradstein."
Die Tötung der Geisteskranken der Juden - mit Einzelerschießungen. Die Anstalt Stralsund wird schon im Dezember 1939 leer sein und den SS-Totenkopfverbänden übergeben werden können. Lauenburg geht im März 1940 in die gleiche Trägerschaft über. Treptow wird 1941 Lazarett der Wehrmacht.

1) Schwede-Coburg, geboren am 1988, verhindert am Ende des Zweiten Weltkriegs eine rechtzeitige und geordnete Flucht der Zivilbevölkerung in Pommern vor der heranstürmenden Roten Armee, setzte sich aber selbst rechtzeitig mit einem Schiff von Saßnitz am 4. Mai in Richtung Schleswig-Holstein ab, wo er am 13. Mai 1945 in englische Kriegsgefangenschaft kam und bis 1947 interniert wurde. Nach einer ersten Verurteilung wegen Zugehörigkeit zum Ns-Führerkorps zu 9 Jahren Gefängnis am 25. November 1948 in Bielefeld wurde er durch ein Urteil vom 7. April 1951 in Coburg wegen 52-facher Körperverletzung in Tateinheit mit versuchter Nötigung im Amt während des Terrors im Jahr 1933 zur Höchststrafe von 10 Jahren Gefängnis verurteilt. Am 24. Januar 1956 wurde die Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt. 1960 starb er im Alter von 72 Jahren in Coburg.

2) Kurt Eimann (* 28. Juli 1899 in Görlitz) war ein deutscher SS-Angehöriger im Rang eines SS-Obersturmbannführers, der 1968 wegen gemeinschaftlichen Mordes als Kriegsverbrecher verurteilt wurde. Nach 1945 war Eimann als Händler in Misburg bei Hannover tätig. Am 20. Dezember 1968 wurde er vom Landgericht Hannover wegen gemeinschaftlichen Mordes an mindestens 1.200 Menschen zu vier Jahren Haft verurteilt und zwei Jahre später aus der Haft entlassen.

Quelle: Ernst Klee: "Euthanasie" im NS-Staat S.Fischer-Verlag, Frankfurt 1985

 
 

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