Gegen das Vergessen; nie wieder!

Veröffentlicht am 14.06.2013 in Allgemein

Reimut Schmitt (Berlin)

Lokale Lösungen

Im Herbst 1941 unterbreitete Rolf-Heinz Höppner 1), Leiter der Umwandererzentrale in Posen und zuständig für die Deportation von Juden und Polen ins Generalgouvernement 2) und für die Ansiedlung von Volksdeutschen im Wartheland 3), einen konkreten Vorschlag: „ Es besteht in diesem Winter die Gefahr, dass die Juden nicht mehr sämtlich ernährt werden können. Es ist ernsthaft zu erwägen, ob es nicht die humanste Lösung ist, die Juden, soweit sie nicht arbeitseinsatzfähig sind, durch irgendein schnellwirkendes Mittel zu erledigen. Auf jeden Fall wäre dies angenehmer, als sie verhungern zu lassen.“

Höppner brachte die Ermordung ihm nutzlos erscheinende Menschen nicht zum ersten Mal ins Gespräch. Schon im Oktober 1940, als er nicht wusste, wohin er diejenigen Polen schicken sollte, die aus gesundheitlichen Gründen nicht deportierte werden durften, hatte er auf den Rand eines Beschwerdebriefes geschrieben: „Unter Umständen müssen gegen transportunfähige Personen andere Maßnahmen ergriffen werden.“ Als „Sachbearbeiter für Umwanderungsangelegenheiten“ verfügte er über praktische Erfahrungen. Seit dem Winter 1939/1940 hatte er zumindest indirekt an der Ermordung einiger tausend psychische Kranker im Wartheland mitgewirkt. Zu dem Zeitpunkt, als er seinen Brief schrieb, durchkämmte das Sonderkommando Lange, das ebenso wie Höppner zum Posener Apparat der Sicherheitspolizei und des SD (Sicherheitsdienst) gehörte, zum zweiten Mal die Anstalten des Wartheland, um „nutzlose Esser“ mit Hilfe von Gaswagen zu töten. Dennoch dachte Höppner am 16. Juli nicht an die Vernichtung aller Juden. Das ergibt sich aus seinem Vermerkt eindeutig. Er schlug vor, die arbeitsfähigen in einem Lager zu konzentrieren. Dort sollten „sämtliche Jüdinnen, von denen noch Kinder zu erwarten sind“, sterilisiert werden, „damit in dieser Generation das Judenproblem restlos gelöst werden kann“.

So sehr hier Höppner „von unten“ argumentierte, sollte doch nicht übersehen werden, dass sich parallel dazu auf der oberen Ebene der Hierarchie entsprechende Willensbildungsprozesse vollzogen. Dafür stehen die nur fragmentarisch dokumentierten Beziehungen zwischen den Organisatoren der Judendeportation einerseits und denen der „Euthanasie“ andererseits. Schon seit dem Herbst 1939 hatten die Akteure der „T4“ (siehe Beitrag Mai 2013) mit Chemikern des Kriminaltechnischen Instituts, also mit Angehörigen des RSHA (Reichssicherheitshauptamt), zusammengearbeitet, um geeignete Techniken zur Ermordung der Geisteskranken zu entwickeln. Während der Diskussion des Madagaskarprojekts 4) hatten sie die logistischen Dienste ihrer „eingespielten Transportorganisation“ angeboten und gleichzeitig fast alle transportunfähigen jüdischen Patienten in deutschen Anstalten in den Gaskammern der „T4“ ermordet. Das konnte nicht ohne Rücksprache mit Himmler und Heydrich geschehen. Im Herbst 1940 hatten die Männer der „T4“ den RKF- und Vomi-Kollegen (RKF: Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums; Vomi: Volksdeutsche Mittelstelle) aus der Verlegenheit geholfen und für sie Dutzende von Anstalten „freigemacht“, damit diese in Auffanglager für Volksdeutsche umgewandelt werden konnten.

Im Januar 1941 bat Himmler den „Euthanasie“-Beauftragten Bouhler 5), ihn dabei zu unterstützen, die Konzentrationslager von „Ballastexistenzen zu befreien“. Das führte zur sogenannten „Aktion 14f13“ (Aktenzeichen des Inspekteurs der konzentrationslage) : Von Anfang April an reisten „T4“-Ärzte durch die KZs, ließen sich dort jene Häftlinge, die der örtliche KZ-Kommandant als „Antisoziale“ oder Kranke eingestuft hatte, vorstellen und selektierten einen Teil derselben zum Transport in die Gaskammern der „T4“. Bis zum Sommer 1941 starben auf diese Weise etwa 2500 Häftlinge aus den Lagern Mauthausen, Buchenwald, Auschwitz und Sachsenhausen.

1) Höppner wurde im Juli 1945 in der Nähe von Flensburg festgenommen. Er trat als Zeuge der Verteidigung im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher auf, um die Verantwortlichkeit des Reichssicherheitshauptamtes für die Mordtaten derEinsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD in Abrede zu stellen. Höppner wurde 1947 nach Polen ausgeliefert und angeblich am 15. März 1949 zum Tode verurteilt. Nach anderen Angaben wurde Höppner in Posen zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Zuge der polnischen großen Amnestie nach dem Oktober 1956 kam Höppner danach Anfang 1957 frei, arbeitete als Oberregierungsrat im Wohnungsbauministerium und lebte später unbehelligt in einem Kölner Altersheim.

2) Der Begriff Generalgouvernement bezeichnet Gebiete der früheren Zweiten Polnischen Republik, die 1939–1945 vom Deutschen Reich militärisch besetzt und nicht unmittelbar in dasReichsgebiet eingegliedert worden waren, sowie die dort errichteten Verwaltungsstrukturen unter dem Generalgouverneur und NSDAP-Funktionär Hans Frank und seines Stellvertreters Arthur Seyß-Inquart mit Sitz in Krakau. Es umfasste zunächst eine Fläche von 95.000 km² und wurde am 1. August 1941 um den zuvor sowjetischen Distrikt Galizien auf 142.000 km² erweitert.

3) Der Reichsgau Wartheland bestand im Verband des Deutschen Reiches von 1939 bis 1945. Dem lag eine völkerrechtswidrige Annexion polnischen Territoriums durch die Reichsregierung zu Grunde. Die Benennung nahm Bezug auf die das Gebiet südwestlich durchfließende Warthe. Flächenmäßig umfasste der Reichsgau Wartheland im Wesentlichen die Landschaft Großpolen.

4) Im Mai 1940, als sich der Sieg im Westfeldzug abzeichnete, erwogen das Auswärtige Amt und das Reichssicherheitshauptamt den Madagaskarplan: Er sah vor, die Insel Madagaskar vom besiegten Frankreich zu übernehmen und bis zu 5,8 Millionen europäische Juden dorthin abzuschieben. Himmler hoffte, den „Begriff der Juden“ durch diese „Auswanderung“ „völlig auslöschen zu sehen“

5) Philipp Bouhler (* 11. September 1899 in München; † 19. Mai 1945 bei Dachau) war ein nationalsozialistischer Politiker. Er war ein Reichsleiter der NSDAP, Chef der Kanzlei des Führers, Publizist, SS-Obergruppenführer und Beauftragter Hitlers für die Aktion T4, die systematische Ermordung von Kranken und Behinderten.1943 erhielt er von Hitler eine Dotation in Höhe von 100.000 Reichsmark. Bouhler hielt sich im Januar 1945 in Dänemark auf, um dort in den deutschen Besatzungstruppen nach frontverwendungsfähigen Soldaten zu suchen. Bei Kriegsende schloss Bouhler sich dem Kreis um Hermann Göring an. Im Gefolge Görings verließ er im April 1945 Berlin. Am 23. April 1945 wurde er bei Berchtesgaden auf Befehl Hitlers von der SS verhaftet und aus allen Ämtern ausgeschlossen, nach Hitlers Suizid am 1. Mai 1945 jedoch wieder freigelassen. Amerikanische Truppen setzten Bouhler mit dem gesamten Göring-Gefolge am 9. Mai 1945 auf Schloss Fischhorn bei Zell am See fest. Am 19. Mai 1945 wurde Philipp Bouhler verhaftet. Auf der Fahrt in das Internierungslager Dachau beging Bouhler kurz vor der Ankunft mit Hilfe einer Blausäure-Kapsel Suizid.

Quelle: Götz Aly „Endlösung“ Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden

 
 

Terminvorschau

Alle Termine öffnen.

30.01.2027 18. Bundesversammlung - Wahl der/des Bundespräsidentin/Bundespräsidenten
Nähere Informationen auf bundestag.de 

SPD Ortsverein Rhaunen

Aktiv zum Wohle unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger
 
 

Aktuelle Nachrichten

DER SPIEGEL
Es ging (noch) nicht um die Kanzlerschaft, aber die Olympia-Nominierung Münchens nutzt Markus Söders Ambitionen. Dabei hatte Konkurrent Hendrik Wüst viel in die Bewerbung aus Nordrhein-Westfalen investiert.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt will auf die jüngste Massenankunft von Migranten in Ceuta reagieren. Vor einem Treffen mit europäischen Amtskollegen plädiert der CSU-Politiker für Rückführungen im Schnellverfahren.

Die Berliner SPD will mit Linken und Grünen sondieren. Das hat der Landesvorstand der SPD beschlossen. Zuvor hatten sich auch die Linken für Sondierungsgespräche ausgesprochen.

Im ganzen Land sind Tausende dem Aufruf der Gewerkschaften gefolgt und haben gegen die Reformpläne der Bundesregierung demonstriert. Arbeitgeber sprechen von »ritueller Reformverweigerung«.

Die Linke geht gerichtlich gegen Wirtschaftsministerin Reiche vor, ein entsprechendes Anwaltsschreiben liegt dem SPIEGEL vor. Es geht um ein Video, das die CDU-Politikerin verbreiten ließ.

CDU-Gesundheitsminister Linnemann will nächste Woche einen Gesetzentwurf durchs Kabinett bringen, der die Finanzen der Pflegeversicherung stabilisieren soll. SPD-Fraktionschef Miersch droht mit einem Veto.

Mehr Schutz vor Gewalt, mehr Mitbestimmung für Kinder: Das Justizministerium plant eine Reform im Familienrecht. Manche Fachleute warnen, dass das neue Probleme schaffen könnte.

Sollen die Grünen in Berlin mit der Linkspartei eine Koalition eingehen? Co-Parteichefin Franziska Brantner nimmt Wahlsiegerin Elif Eralp in die Pflicht - und nennt Bedingungen für ein Bündnis.

Ein Untersuchungsausschuss zur Coronapandemie könnte AfD und BSW in Sachsen-Anhalt verbinden. Bei einer geplanten Reformierung des Rundfunks hingegen gehen ihre Vorstellungen laut einem Bericht auseinander.

Ex-CDU-Fraktionschef Spahn fehlt bei der Sitzung des Haushaltsausschusses, weil er wohl auf Sardinien auf sein krankes Kind aufpassen muss. Nach SPIEGEL-Informationen soll er nur knapp dem Rauswurf aus dem Gremium entgangen sein.

Die jüngsten Wahlsiege von AfD und Linken sind eine Zäsur für Deutschland. Vorbei ist eine jahrzehntelange Epoche mit unumstößlichen Gewissheiten. Das bisherige System stand für Stabilität, die Zukunft wirkt leider düster.

Die Berliner Linke will mit Grünen und SPD verhandeln. Eine Rentnerin aus Spanien wird zum Gesicht der Wohnungskrise. Und Frankreichs Rechte entdecken den Katholizismus für sich. Das ist die Lage am Samstagmorgen.

WebSozis

Besucher:1176536
Heute:70
Online:3