Gegen das Vergessen; nie wieder!

Veröffentlicht am 14.12.2013 in Allgemein

Reimut Schmitt (Berlin)

Todesfabriken (Teil 1)

Anfang 1942 gab es im gesamten von der deutschen Wehrmacht besetzten Europa nur ein einziges spezialisiertes Todeslager in Betrieb, das Lager Chelmno1) (Kulmhof). Gleichwohl hielten die Nationalsozialisten an ihrem Programm einer Vernichtung der europäischen Juden fest. Denn im Unterschied zu weniger radikalen Systemen, die zunächst alles sorgfältig planen und dann erst handeln, begannen sie mit den Deportationen der Juden, noch bevor auch nur ein einziges der von ihnen ersonnenen Systeme zu deren Vernichtung erprobt worden oder auch nur fertiggestellt war.

Auf dem Fundament der Unordnung, die sich daraus entwickelte, errichteten sie die Apparatur des Völkermords. Und die Geschichte, wie sie diese mörderische Aufgabe organisierten.

Auschwitz sollte bei den Massenmorden 1942 noch nicht die wichtigste Rolle spielen, doch es sollte das Jahr werden, in dem sich die Existenz des Lagers zum ersten Mal auf Westeuropa auswirken sollte. Nur wenige Tage, nachdem die slowakischen Behörden mit den Deutschen vereinbart hatten, ihre Juden nach Auschwitz zu deportieren, schickte ein weiteres europäisches Land den ersten Judentransport dorthin. Und die Umstände, die zu diesem und den folgenden Transporten führten, waren noch komplizierter und unerwarteter als die Ereignisse in der Slowakei, nicht zuletzt, weil der Zug, der am 23. März abgefahren war, aus einem von den Deutschen eroberten Land kam, dem die Besatzer einen großen Spielraum in seiner Verwaltung gelassen hatte: Frankreich.

Nach der schnellen Niederlage im Juni 1940 wurde Frankreich in eine besetzte und eine freie Zone geteilt. Marschall Pétain, ein Held des Ersten Weltkriegs, wurde Staatsoberhaupt und hatte seinen Regierungssitz in Vichy in der nicht besetzten Zone. Er war eine populäre Persönlichkeit in diesen frühen Jahren des Kriegs (wesentlich populärer, als viele Franzosen nach dem Krieg zugeben wollten), und auf ihn richteten sich die Erwartungen aller Franzosen, er werde die Würde Frankreichs wiederherstellen. Die Deutschen dagegen hatten anscheinend widersprüchliche Ziele – sie wollten die Kontrolle über Frankreich und gleichzeitig eine möglichst geringe Militärpräsenz in diesem Land; alles in allem hatten sie nicht mehr als 1500 Offiziere und Verwaltungsfachleute zurückgelassen. Die deutsche Herrschaft war in hohem Maße auf die Kooperation der französischen Beamten und ihre Verwaltungssysteme angewiesen.

Im Verlauf des ersten Jahrs der Besatzung gab es kaum Konflikte zwischen Franzosen und Deutschen. Der deutsche Militärbefehlshaber, Otto von Stülpnagel2), operierte vom Hotel Majestic in Paris aus eher wie ein römischer Statthalter an der Spitze einer halbautonomen Provinz des Reichs und weniger wie ein Nationalsozialist, der alles daransetzte, das von ihm beherrschte Volk zu einer Nation von Sklaven zu machen. Dennoch befanden sich die Juden in Frankreich nicht in Sicherheit. 1940 betrug ihre Zahl rund 350.000, und fast die Hälfte von ihnen hatte keinen französischen Pass. Viele waren in den zwanziger Jahren aus Osteuropa hierhergekommen, während andere erst in jüngster Zeit nach Frankreich geflohen waren. Ende September gab der deutsch Verwaltungsstab eine „Erste Judenverordnung“ bekannt. Danach durften 1. die Juden im unbesetzten Gebiet dieses nicht mehr verlassen; 2. musste von französischer Seite ein Judenregister erstellt werden, um alle Juden aus dem besetzten Gebiet entfernen zu können; 3. musste der jüdische Besitz erfasst werden.

Während der Durchführung dieser Verordnung kollaborierte die Vichy-Regierung aufs engste mit den Deutschen. Doch die relative Ruhe der Besatzung sollte im Sommer 1941 durch Ereignisse gestört werden, die sich Tausende von Kilometern im Osten abspielten – der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. Am 21. August 1941 wurden in Paris Schüsse auf zwei Deutsche abgegeben – einer wurde getötet, der zweite schwer verletzt. Es stellte sich schnell heraus, dass französische Kommunisten hinter dem Anschlag steckten. Ein weiterer Mordanschlag am 3. September verstärkte die Befürchtung der Deutschen, dass ihr bislang ungestörtes Leben in Frankreich beendet sein könnte.
Die deutschen Besatzungsbehörden reagierten auf die Morde mit der Verhaftung von Kommunisten und Erschießungen als Repressalien – unmittelbar nach dem Zwischenfall im September wurden drei Geiseln erschossen. Doch diese Antwort wurde von Hitler für unangemessen milde erachtet, der sich zu dieser Zeit in seinem Hauptquartier in den ostpreußischen Wäldern befand und den blutigen Krieg im Osten lenkte. Feldmarschall Wilhelm Keitel leitete Hitlers Unzufriedenheit nach Paris weiter: „Die Vergeltungsmaßnahme an den drei Kommunisten-Geiseln ist viel zu milde! Ein deutscher Soldat sei (so Hitler) viel mehr wert als drei französische Kommunisten. Der Führer erwartet, dass in solchen Fällen mit den schärfsten Vergeltungsmaßnahmen geantwortet werde. Beim nächsten Mordanschlag seine mindestens 100 Erschießungen sofort vorzunehmen für einen getöteten Deutschen. Ohne solche drakonischen Vergeltungen werde man der Dinge nicht Herr.

1) Chełmno (deutsch Culm oder Kulm) ist eine Stadt in der Woiwodschaft Kujawien-Pommern in Polen und liegt nahe dem rechten Ufer am Weichselknie etwa 30 Kilometer nordöstlich von Bydgoszcz (Bromberg). Chełmno ist heute Sitz des Landkreises Powiat Chełmiński und hat rund 20.000 Einwohner.

2) Otto Edwin von Stülpnagel (* 16. Juni 1878 in Berlin; † 6. Februar 1948 in Paris) war ein deutscher Offizier, zuletzt General der Infanterie der Wehrmacht. Von Oktober 1940 bis Februar 1942 war er „Militärbefehlshaber Frankreich“ (MBF), dem die meisten Gebiete des besetzten Teils Frankreichs unterstanden. Er wurde im August 1942 endgültig aus dem Dienst verabschiedet, nach Kriegsende von den Besatzungsbehörden verhaftet und 1946 an Frankreich ausgeliefert. Anfang Februar 1948 beging er im Pariser Gefängnis Cherche-Midi noch vor Beginn seines Prozesses Suizid.

Quelle: Laurence Rees „ Auschwitz – Geschichte eines Verbrechens“

 
 

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