Gegen das Vergessen; nie wieder!

Veröffentlicht am 22.04.2015 in Allgemein

Reimut Schmitt (Berlin)

Birkenau

Im März 1943 fand in Auschwitz ein Ereignis von enormer Tragweite statt: In Birkenau wurde das erste Krematorium in Betrieb genommen. Die Anlage was das Ergebnis eines langwierigen Planungsprozesses: Im Oktober 1941 sollte der Neubau zunächst das alte Krematorium im Stammlager ersetzen, dann verlegte man den geplanten Standort nach Birkenau.

1941 wurde das ursprüngliche Konzept umgeworfen, worauf der SS-Architekt Walter Dejaco1) einen neuen Entwurf vorlegte: Den Kellerräumen, die ursprünglich als Leichenhallen konzipiert waren, wurden zwei neue getrennte Funktionen zugewiesen: Ein Raum sollte als Entkleidungsbereich dienen, der andere, der rechtwinklig zum ersten verlief, als Gaskammer. Mit Zyklon B gefüllte Büchsen sollten durch spezielle Luken im Dach in die Gaskammer eingeführt werden. Im Erdgeschoss befand sich das Krematorium mit fünf großen Öfen, jeder mit drei Ofentüren ausgestattet. Mittels eines kleinen Aufzugs sollten die Leichen von der Gaskammer zum Krematorium befördert werden.

Es ist nicht bekannt, an welchem Tag die SS-Führung die Umgestaltung des Gebäudes anordnete. Doch der nachträgliche Funktionswandel lässt sich anhand einer reihe von Anweisungen aus der Bauabteilung von Auschwitz nachvollziehen. Beispielsweise sollte in die Türen der Gaskammer „Spione“ eingebaut werden; außerdem wurde veranlasst, dass sich die Türen entgegen der ursprünglichen Planung nach außen öffneten (um zu vermeiden, dass nach der Vergasung die Leichen die Türen blockierten). Weitere Maßnahmen waren die Entfernung einer Leichenrutsche und der Einbau weitere Treppen in den Keller, ein deutliches Indiz dafür, dass die Opfer nun selbst in die anfänglich als Leichenhallen geplanten Kellerräume gehen sollten.

Anfangs hatte man nur ein Krematorium geplant, doch im Zuge dieser Neuerungen wurde beschlossen, weitere solche Anlagen zu bauen. Im Sommer 1943 waren in Auschwitz-Birkenau insgesamt vier Krematorien mit angeschlossenen Gaskammern in Betrieb. Zwei von ihnen (Krematorium 2 und 3) basierten auf dem ursprünglichen Bauplan, der die Gaskammern im Keller vorsah, und lagen keine 100 Meter von der geplanten neuen „Rampe“ in Birkenau entfernt. Die beiden anderen Krematorien (Krematorium 4 und 5) befanden sich an einer entlegenen stelle Birkenaus, in der Nähe der ursprünglichen provisorischen Gaskammern „Rotes Häuschen“ und „Weißes Häuschen“. Die Gaskammern der Krematorien 4 und 5 waren nicht im Keller, sondern im Erdgeschoss, also auf derselben Ebene wie die Verbrennungsöfen – aus Sicht der Planer offensichtlich eine technische „Verbesserung“, da die Leichen nun nicht mehr vom Keller ins Erdgeschoss transportiert werden mussten. Die Krematorien selbst verfügten über einen großen Verbrennungsofen mit acht Türen. Die Kapazität aller vier Krematorien reichte aus, um pro Tag insgesamt 4700 Menschen umzubringen und deren Leichen zu entsorgen. Bei voller Ausnutzung der neugeschaffenen Tötungsanlagen konnte man innerhalb eine Monats 150000 Menschen in Auschwitz ermorden.

Die soliden Ziegelsteingebäude der kombinierten Krematorien und Gaskammern veranschaulichen die perfide Seite der nationalsozialistischen „Endlösung“: Das Morden fand nun nicht mehr in umfunktionierten Bauernhäusern statt, sondern in fabrikähnlichen Anlagen, die die Menschenvernichtung in industriellem Maßstab ermöglichen. In der Geschichte ist es immer wieder zu entfesselten Massakern an Frauen und Kindern gekommen, aber dies war etwas völlig Neues: die sorgfältige Errichtung von Anlagen, in denen Menschen kaltblütig und planmäßig getötet werden sollten. Der nüchterne, systematische Charakter dieses Tötungsprozesses findet seinen sichtbaren Ausdruck in den akkuraten roten Ziegelsteinmauern der Krematorien von Birkenau.

Die Krematorien in Auschwitz wurden freilich erst in Betrieb genommen, als die Massentötungen ihren Höhepunkt überschritten hatte,. 1942 wurden rund 2,7 Millionen Juden ermordet (etwa 200000 von ihnen in Auschwitz und 1,65 Millionen in den Lagern der „Aktion Reinhardt“ (u.a. Treblinka, Sobibór, Belzec) ; 850000 weitere wurden von mobilen Exekutionskommandos im Osten erschossen); 1943 hingegen wurden insgesamt etwa 500000 Juden umgebracht, ungefähr die Hälfte von ihnen in Auschwitz.

1) Walter Dejaco (* 19. Juni 1909 in Mühlau (Innsbruck); † 1978) war ein österreichischer Architekt, der im KZ Auschwitz als Bauleiter bei der Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz tätig war.

Zum Studium der von SS-Standartenführer Paul Blobel erprobten Methoden zur Beseitigung von Massengräbern fuhr Dejaco am 16. September 1942 mit Lagerkommandant Rudolf Höß und Franz Hößler in das Vernichtungslager Kulmhof.[5] Hintergrund dieser Reise war die drohende Kontaminierung des Grundwassers in Auschwitz mit Leichengift, da zigtausende Leichen von den Holocaustopfern in der Umgebung des KZ Auschwitz-Birkenau in Massengräbern verscharrt waren. Blobel empfahl seinen Besuchern auf einem Eisenbahnschienenrost je eine Lage Leichen und abwechselnd benzingetränktes Holz zu stapeln um diese dann zu verbrennen. Dejaco fertigte darüber Aufzeichnungen an und ließ darauf basierend eine entsprechende Konstruktion in Auschwitz errichten. Die dortigen Massengräber wurden durch KZ-Häftlinge enterdet und die Leichen verbrannt.

[1] Dejaco stieg 1944 zum SS-Obersturmführer (SS-Nr. 295.135) der Reserve bei der Waffen-SS auf.[2][6]

Nach Kriegsende befand sich Dejaco in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, aus der er 1949 oder 1950 entlassen wurde.[1] Anschließend leitete er als Baumeister in Reutte ein Kleinunternehmen mit etwa 15 Angestellten.

Durch den Auschwitzüberlebenden Hermann Langbein wurden die Angehörigen der Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz Dejaco und Fritz Ertl 1961 wegen ihrer Tätigkeit bei der Bauleitung Auschwitz angezeigt. Im April 1962 wurde Dejaco zu den Beschuldigungen erstmals durch einen Untersuchungsrichter vernommen, das Verfahren selbst wurde erst im Juni 1971 fortgesetzt.

Vor dem Schwurgericht des Landgerichts Wien begann am 18. Januar 1972 der Prozess gegen Dejaco und Ertl als erster Auschwitzprozess in Österreich. Verfahrensgegenstand war deren Beteiligung am Holocaust durch Planung, Bau und Instandhaltung der Gaskammern und Krematorien des KZ Auschwitz-Birkenau. Dejaco war zusätzlich beschuldigt, zwischen 1940 und 1942 zwölf KZ-Häftlinge erschossen oder erschlagen zu haben.

„Ihre Bautätigkeit war von vornherein auf ein kurzfristiges Vegetieren der Häftlinge ausgerichtet, und stellte eine Verhöhnung der elementaren Grundsätze der Bautechnik dar. Dass sich die Beschuldigten sehr wohl bewusst waren, dass die von ihnen ohne Fenster und ausreichende Belüftung gebauten, eng nebeneinander liegenden Baracken, keinen ausreichenden Lebensraum für Menschen boten, ersieht man aus ihrem Bemühen, die für die Wachhunde und Kühe bestimmten Baracken durch entsprechende Belüftung zu verbessern, um eine gesunde Haltung der Tiere zu gewährleisten.““

Der Prozess gegen Dejaco und Ertl endete am 10. März 1972 jeweils mit einem Freispruch, da Ertl und Dejaco nicht die „geistigen Urheber“ der Gaskammern seien. In den Medien wurden Dejaco und Ertl als „Baumeister des Massenmordes“ tituliert. Der Prozess spielte in den Medien nur eine Nebenrolle und stieß auf geringes Zuschauerinteresse.[12]

Quelle: Laurence Rees „Auschwitz – Geschichte eines Verbrechens“ und Wikipedia

 
 

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